Hana Usui, Fukushima (2019), Courtesy Marcello Farabegoli Projects

Konrad Paul Liessmann
Menschengemachte Menschenleere
Zum Fukushima-Zyklus von Hana Usui

Der Philosoph Günther Anders, der wie kein anderer Denker des 20. Jahrhunderts radikal die ›atomare Drohung‹ in den Mittelpunkt seiner Philosophie gerückt hatte, bemerkte in diesem Zusammenhang einmal, dass es Ereignisse von solcher Größe gäbe, dass sie von der Kunst nicht erreicht werden können. Die millionenfache Vernichtung der Juden in den Lagern der Nationalsozialisten gehörte für ihn ebenso dazu wie der Abwurf der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki. Solche Vernichtungspraktiken nannte er ›geschichtlich überschwellig‹, da unsere Vorstellungskraft nicht an die furchtbaren Dimensionen derselben heranreiche. Ästhetischen Versuchen, diese Schrecken zu thematisieren, stand der Philosoph deshalb skeptisch gegenüber, das prinzipiell Spielerische und Verspielte jeder Kunst rückte für ihn auch die radikalsten Bemühungen in die Nähe der Verharmlosung. Angesichts des Ernstes der atomaren Bedrohung, so seine provozierende These, müsse jede ästhetische Verfahrensweise unernst wirken.

Dieser prinzipielle Vorbehalt gegenüber der Kunst war vor allem auch durch die Einsicht motiviert, dass die ästhetische Darstellung oder Erinnerung der atomaren Katastrophen dem Besonderen dieser Ereignisse, nämlich der damit verbundenen Selbstgefährdung der menschlichen Gattung, nicht gerecht werden kann. Hiroshima und Nagasaki waren für Günther Anders nicht nur furchtbare Kriegsverbrechen gewesen, sondern damit war auch festgeschrieben, dass die Menschen eine Technologie entwickelt hatten, mit der sie sich selbst auf einen Schlag vernichten und die Erde unbewohnbar machen konnten. Das aber entzieht sich unserer Vorstellungskraft.

Von dieser ›Überschwelligkeit‹ ist die sogenannte friedliche Nutzung der Kernenergie nicht ausgenommen. Natürlich: Bei einer Atombombe handelt es sich um eine Massenvernichtungswaffe, die Auslöschung allen Lebens auf diesem Planeten gehört zu ihrer innersten Logik. Die nuklearen Katastrophen in Kernkraftwerken sind seltene Unglücksfälle, die ihre ungeheure Dimension aber derselben Kraft verdanken wie die Bombe: eine entfesselte Kettenreaktion, die sich dem kontrollierenden Zugriff des Menschen für alle Zeiten entzieht. Dass ein Unfall wie der in Tschernobyl nicht nach einigen Jahren vergessen werden kann, sondern dass der Reaktor noch Tausende von Jahren gefährlich strahlen wird, übersteigt die Vorstellungskraft und das Zeitgefühl des Menschen. Dieser will spätestens nach wenigen Jahrzehnten den Unglücksort als Touristenattraktion wahrnehmen und nicht als Menetekel einer hybriden Technologie.

Darf, kann, muss sich die Kunst dieser Thematik nicht dennoch annehmen? Und wie kann sie sich den damit verbundenen Herausforderungen gewachsen zeigen? Günther Anders ist bis heute in einem Punkt recht zu geben: Die plakative, spektakuläre, pathetische und negativ erhabene Darstellung des Schreckens degradiert diesen zu einem kulturindustriellen Event und verkennt ihn damit gründlich. Wenn überhaupt, dann bedarf die Annäherung an die Orte einer atomaren Katastrophe einer Sensibilität, die erst auf einen zweiten Blick erkennen lässt, dass das Furchtbare hier um einen Ausdruck ringt. Die Arbeiten der japanischen Künstlerin Hana Usui zeigen auf eindringliche Weise, was es heißen kann, sich mit den sparsamsten Mitteln der bildenden Kunst Phänomenen zu nähern, die in jeder Hinsicht an die grundlegenden Aporien und Konflikte einer sich selbst gefährdenden technischen Zivilisation rühren.

Zwischen 2014 und 2018 hat sich die Künstlerin mit den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki auseinandergesetzt, im Jahre 2019 widmet sie eine Serie von Arbeiten dem Reaktorunfall von Fukushima. An diesen Arbeiten überrascht vorerst eine Zartheit, die dem Gegenstand seltsam unangemessen erscheint. Hana Usui, die durch die strenge Schule der klassischen japanischen Kalligraphie, den ›Weg des Schreibens", gegangen ist, hat diesen Zugang zwar hinter sich gelassen, die Genauigkeit, Rätselhaftigkeit und Eindringlichkeit aber ist geblieben. Erst wenn man genauer hinblickt, erkennt man die Spuren des Grauens, der Vernichtung, der Verödung.

In der Fukushima-Serie überdeckt die Künstlerin Fotos des kontaminierten Ortes mit einem halbdurchsichtigen Papier, auf dem zarte Linien das Bild seltsam überlagern, zitternd und schwungvoll, dominant und doch zurückgenommen: die angedeuteten und unterbrochenen Nervenfasern eines Energiestroms, der durch das Unglück jäh unterbrochen wurde. Im Kontrast, im Halbverborgenen, im Zusammenspiel von Photographie und Zeichnung, im Angedeuteten, skizzenhaft Hingeworfenen, zeigt sich die Souveränität der Künstlerin gegenüber einem Sujet, dessen zentrale Bestimmung die Ödnis ist. Radioaktiv verstrahlte Gebiete müssen evakuiert und geräumt werden, für den Menschen ist der Aufenthalt in diesen gefährlich, langfristig tödlich – Warnschilder überall. Und dennoch darf die Dokumentation solch eines kontaminierten Gebietes weder an Landschaftsaufnahmen noch schlicht an Industrieruinen erinnern. Nur durch eine Spannung der Medien und Materialien, der Verfahren und der Formen ist dies zu vermeiden, nur im Verzicht auf alles Spektakuläre und Dramatische kann der Schrecken im wahrsten Sinn des Wortes durchschimmern.

Nichts an diesen Arbeiten erscheint im Modus der Direktheit. Die Serie ist auch nicht als unmittelbares politisches oder ökologisches Statement zu werten. Es handelt sich hier nicht um engagierte Kunst, die vor einer Technologie warnen möchte, die angesichts des Kampfes gegen die Klimaveränderung von vielen ökologisch bewussten Menschen paradoxerweise wiederentdeckt wird: Atomkraftwerke stoßen kein CO2 aus. In ihrer verhaltenen Eindringlichkeit fungieren die Fukushima-Arbeiten von Hana Usui so eher als nachdenklicher Kommentar zu den aktuellen Debatten, nichts an ihnen ist schrill oder alarmistisch, aber in ihrer präzisen Zurückgenommenheit, in ihrer melancholischen Schönheit bereiten sie den Weg für eine Nachdenklichkeit, die vielleicht nötiger denn je wäre.

In diesen Arbeiten zeichnen sich so—in einer traurigen Schönheit—die Konturen von Hügeln und Bäumen, Industriebauten und Warnschildern, Strommasten und entlaubten Bäumen ab, denen die zarte Linienführung der Künstlerin nicht nur einen Akzent, sondern ein drastisches Gegenüber versetzt. Das Lineament im Vordergrund verleiht den zugrunde liegenden Fotos ihren schrecklich-schönen Sinn: Dokumente der menschengemachten Menschenleere.

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