Nagel entwickelt eine fotografische Praxis, die den Körper nicht abbildet, sondern untersucht. Anstatt klar umrissene Bilder zu erzeugen, schafft sie Arbeiten, in denen Körper sich in Linien, Flächen oder Bewegungen auflösen. Perspektiven verändern sich, sichtbare Merkmale treten zurück, und Gewohntes zeigt sich in neuen Dimensionen.
Sie nutzt diese Reduktion nicht als ästhetisches Mittel, sondern als Methode, um körperliche Präsenz als vielschichtig und widerständig zu reflektieren. Ihr Ansatz bleibt bewusst intuitiv und offen für das Unbestimmte. Das Ergebnis ist eine abstrakte Bildsprache, die sich konventionellen Klassifikationen entzieht und eine gesteigerte Aufmerksamkeit für Momente kultiviert, die jenseits des Offensichtlichen liegen.
Könntest du dich kurz vorstellen, etwas über deine künstlerische Praxis erzählen und woran du derzeit arbeitest?
Mein Name ist Kristina Nagel, Künstlerin, mein Hauptmedium ist die Fotografie. Es fällt mir schwer, über mich oder meine Arbeit in festen Begriffen zu sprechen, weil sich beides ständig verändert. Ich bleibe lieber nah am Bild, denn Bilder haben ihre eigene Logik. Reden fühlt sich an, als würde ich mich davon entfernen. Mein Prozess ist sehr intuitiv. Ich folge eher Instinkten als Konzepten. Ein zentraler Aspekt meiner Arbeit ist die Depersonalisierung. Ich lasse erkennbare Merkmale verschwinden, um die Vorstellung von Identität als etwas Stabiles zu hinterfragen. Derzeit arbeite ich an einer Publikation, aber grundsätzlich vermeide ich es, über Projekte zu sprechen, bevor sie abgeschlossen sind.
Wie würdest du deinen Arbeitsprozess beschreiben, besonders im Hinblick auf visuelles Erzählen und den menschlichen Körper?
Meine Arbeit erzählt keine Geschichten. Sie schafft Raum für Empfindung, Präsenz und alternative Arten des Sehens oder Gesehenwerdens. Meine Bilder sollen gefühlt werden, nicht verstanden. Der Körper ist sowohl skulpturales Objekt als auch Subjekt.
In deinen Arbeiten werden Gesichter häufig verwischt oder ausgelassen. Wie beeinflusst diese ästhetische Verschiebung Vorstellungen von Verletzlichkeit, Anonymität oder Repräsentation?Depersonalisierung ist keine Abwesenheit. Sie ist Potenzial.
Wenn ein Gesicht verschwindet, wird etwas Wesentlicheres sichtbar. Es geht nicht ums Verbergen. Es geht darum, sich einer Reduktion zu entziehen.
In der Unlesbarkeit liegt Freiheit.
Indem ich Gesichter und Körperformen der direkten Lesbarkeit entziehe, hinterfrage ich feste Vorstellungen von Identität und öffne einen Raum für eine Rohheit, die universeller ist, jenseits individueller Geschichten. Anonymität erzeugt Präsenz, nicht Zuschreibung.
Du bewegst dich an der Schnittstelle von Mode und Kunst. Welche Rolle spielen Schönheit, Depersonalisierung und das „Konvulsive“ in deiner Bildsprache?
Ich mag keine Gesichter und ich habe nicht das Ziel, Realität zu dokumentieren. Ich „entsehe“ und mache sichtbar, was sonst übersehen wird. Schönheit hat für mich nichts mit perfekten Merkmalen zu tun, sondern mit Stimmung, Atmosphäre, Gefühl. Sie kann komplex sein, nicht nur angenehm.
Depersonalisierung entfernt Ablenkung und lässt eine tiefere, manchmal sogar konvulsive Energie hervortreten.
Du hast in verschiedenen Bereichen der visuellen Produktion gearbeitet. Wie hat dich das geprägt und wie bewegst du dich zwischen diesen scheinbar getrennten Welten?
Jede Rolle hat eine Schicht hinzugefügt. Ich habe gelernt, über die Oberfläche hinauszusehen, präzise und schnell zu arbeiten. In meiner künstlerischen Arbeit versuche ich jedoch, all das wieder zu verlernen und stattdessen nach Bedeutung und Raum zu suchen.
In einer Zeit unendlicher digitaler Bilder: Wie positionierst du deine Arbeit und was bedeutet „Post-Photography“ für dich?
Ich habe meine Arbeit immer als Post-Photography verstanden. Tradition oder Mainstream haben mich nie interessiert. Es ging für mich immer darum, das Offensichtliche zu verweigern und Fotografie als Frage zu nutzen, nicht als Antwort. Meine Bilder wollen nichts erklären. Sie existieren am Rand.
Wenn du dir eine Veränderung in der Kunst wünschen könntest, welche wäre das?
Die kraftvollste künstlerische Geste ist es, etwas zu schaffen, das sich leichter Kategorisierung oder Erklärung entzieht. Weniger Druck, zu erklären. Mehr Raum, zu fühlen oder nicht zu verstehen.
Welchen Rat würdest du jungen Künstler*innen geben?
Ich glaube, jede bedeutungsvolle Arbeit beginnt mit einem Problem. Finde eine Metapher dafür und übertrage sie in dein Medium. Die stärkste Resonanz entsteht, wenn du das Universelle durch das Persönliche ausdrückst. Die Metapher ist keine Erklärung. Sie ist eine Transformation. Deshalb wirkt es oft leer, Trends hinterherzulaufen oder andere zu kopieren. Die Menschen sehen dich nicht. Erkläre dich nicht, passe dich nicht an, kompromittiere dich nicht und schütze deinen Blick.
Was bedeutet die Berlin Art Week für dich?
Ich fühle mich oft überwältigt von der Vielzahl an Veranstaltungen und Gesichtern. Ich besuche Ausstellungen lieber einen Tag oder eine Woche später, wenn es ruhiger ist. Die Berlin Art Week bietet jedoch einen starken Rahmen für viele unterschiedliche künstlerische Positionen. Und was diese Erfahrung für mich besonders geprägt hat, war die Zusammenarbeit mit der Kuratorin Anna-Catharina Gebbers. Ich bin sehr dankbar für ihre Sensibilität und Klarheit.