›Erfahrung‹

Zeichnung für Suma Qamaña en la ciudad/ Gutes Leben in der Stadt (2020). © Daniela Zambrano

Lizet Díaz Machuca, die Kuratorin der Ausstellung ›Pallay Pampa‹ in der ifa-Galerie Berlin, über den Begriff des ›Erlebens‹—und was er mit dem andinen Konzept der ›pacha‹ zu tun hat.

Im Andenraum steht der Ausdruck ›pacha‹ für ein Ganzes, das Zeit und Raum bilden und das als eigenständiges Lebewesen verstanden wird. In diesem Wesen vereinen sich der Ursprung und die Wahrnehmung aller Dinge, die geschehen. Das Erleben im Sinne dessen, was wir erfahren, fühlen, denken, beurteilen und im Rahmen unseres Lebens aktiv gestalten, sowie das ursprüngliche andine Erleben—wie es in den bäuerlichen Andengemeinden bis heute anzutreffen ist—entspringt überlieferten Mentalitäten und Praktiken, die emotional und symbolisch eng mit der ›pacha‹ verbunden sind.

Im Rahmen von ›Pallay Pampa: Andine Kreuzungen‹ versuchen wir, uns diesem Erleben anzunähern. Dabei gehen wir davon aus, dass die ursprünglichen Bewohner*innen der Anden ›pacha‹ als Schöpferin und Beobachterin allen Lebens erfahren—also in Hinblick auf ihre Kinder, Pflanzen, Tiere, das Wasser und das Klima. So entsteht eine vollständig integrierte Landschaft, in der das menschliche Wesen mehr als nur Zuschauer*in ist.

»Es entsteht eine vollständig integrierte Landschaft, in der das menschliche Wesen mehr als nur Zuschauer*in ist.«

Im Sinne einer Anerkennung zeigen Adela Pino, Isaac Ruíz und Álvaro Acosta ein audiovisuelles Panorama des andinen Erlebens anhand der textilen Arbeit, die auch als kollektiver Lernprozess gelten kann; Daniela Zambrano Almidón bringt uns mithilfe eines Schamanen, der in der Stadt lebt, diesen Dialog und Lernprozess näher. Carolina Estrada ermöglicht uns einen Blick auf den ›Anbau‹ und das ›Ernten‹ von Wasser, wie es die Frauen einer bäuerlichen Gemeinschaft praktizieren; Juan Osorio nähert sich dem Begriff ›pacha‹ im Sinne einer Multidimensionalität des andinen Denkens, indem er Gedichte und Texte andiner Intellektueller des 20. Jahrhunderts präsentiert.

Probe einer Kartoffel (von 324) mit Gravur für die Installation 我们都有吃饭的权利 (2021). © Emilio Santisteban

Fotografie der Lagune Quispillacta von Handrez Garcia Gonzales für Nacimiento de la Colaboración / The birth of collaboration von Carolina Estrada (2020). © Garcia Gonzales
Entwurf für die Installation PACHA – dynamische Partität (2020). © Juan Osorio

Skizze von Wasserknoten für Nacimiento de la Colaboración / The birth of collaboration (2020). © Carolina Estrada
Detail aus dem Videoessay El modelo pedagógico tradicional andino y la tecnología del arte textil aymara. © Adela Pino, Isaac Ruiz

Kenyi Quispe nimmt dagegen eine kritische Perspektive gegenüber unserer Betrachtung des Andinen aus der Sicht westlich dominierter Mentalitäten ein. Am Beispiel poetischer Sprache zeigt er die Möglichkeiten und Grenzen der modernen Freiheit und Gleichheit, in deren Namen kulturelle Unterschiede nivelliert werden, ohne dass es zu einer echten Begegnung käme; Emilio Santisteban ermöglicht indessen einen spannungsgeladenen geopolitischen Blick, indem er die Kartoffel—heute ein globalisiertes, agrarindustrielles Erzeugnis—als Ausdruck des andinen Erlebens im Rahmen der Entfremdung zwischen verschiedenen Denkweisen analysiert.

So zeigt uns die Ausstellung, an welchen Kreuzungen das andine Erleben steht. Sie setzt sich mit kulturellen, politischen und ökologischen Fragen auseinander, um, wie es der brasilianische Denker Eduardo Viveiros de Castro ausdrückt, »ein Selbstbild zurückzuerlangen, in dem wir uns wiedererkennen«.

IFA-GALERIE
Pallay Pampa: Andine Kreuzungen
16 SEP—31 DEC 2021
Eröffnung 15 SEP 14—22 Uhr

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