Zwischen Vergangenheit und Zukunft

von 
© Charlotte Landwehr

Die Berlin Art Week findet dieses Jahr zum zehnten Mal statt. Im Journal stellen wir eine Auswahl der beteiligten Künstler*innen vor und geben einen Ausblick auf das, was kommt.

Als die Berlin Art Week 2012 zum ersten Mal stattfand, sah vieles noch anders aus. Die Kunst ›du jour‹ hieß Post Internet Art und holte die Logik des Internets in den Ausstellungsraum. Vom heftigen Politisierungsschub der zweiten Hälfte der zehner Jahre war noch nicht viel zu spüren und die Probleme, die diskutiert wurden, waren andere. Es ging um den Markt—mal wieder, immer noch—, es ging um die Malerei und den Markt—mal wieder, immer noch—, um Formatfragen, Materialdiskussionen und Digitaltechnikfragen, um den Neoliberalismus, diese und jene Form der Spekulation und vor allem um soziale Medien, die alle völlig unkritisch total toll fanden.

Das alles ist erst ein paar Jahre her. Und doch: Was da gerade erst in jenem toten Winkel des unmittelbar Vergangenen verschwunden ist, aus dem es am anderen Ende in nicht allzu ferner Zukunft als Geschichte wieder auftauchen wird, fühlt sich angesichts der massiven Verwerfungen und Verschiebungen ab Mitte der zehner Jahre an wie aus einer anderen Welt. Damals: Noch keine Diskussionen über Identitätspolitik, Aktivismus oder Kolonialität (auch wenn sie natürlich trotzdem stattgefunden haben, sie wurden schlicht an den Rand gedrängt und im vorherrschenden Kunstdiskurs nicht beachtet), noch keine Klima- und Nachhaltigkeitsdiskussionen (auch wenn sie natürlich trotzdem stattgefunden haben, allzu oft wurden aber einfach die Augen davor verschlossen), noch keine Pandemie mit Lockdowns und Zoom-Führungen durch Ausstellungen (auch wenn man sich natürlich hätte ausmalen können, dass es einmal dazu kommen wird).

Elske Rosenfeld, Hugging Angela Davies, Standbild, 2020. © Elske Rosenfeld

Tamina Amadyar, Foto: Ewelina Bialoszewska; Lewis Hammond, Foto: Rachel Israela; Mooni Perry, Foto: Musquiqui Chihying, 2021

Im direkten Vergleich mit dem Beginn des letzten Jahrzehnts sind heute aber genau das die unmittelbaren Eckpfeiler der Kunstbetriebsdiskurses—Themen, die schon vor zehn Jahren aktuell und drängend waren und auch diskutiert wurden, aber schlicht nicht die nötige Aufmerksamkeit bekommen haben. Auch in den Ausstellungen und Kunstwerken der diesjährigen Berlin Art Week vom 15—19 SEP finden sich entsprechende Fragestellungen vermehrt wieder. Die beteiligten Künstler*innen und ihre Arbeit, die in den über 50 Partnerinstitutionen zu sehen sein wird, wollen wir Ihnen von nun an im Journal auf unserer Webseite in täglichen Features, Porträts, kürzeren und längeren Interviews, Questionnaires und Bildstrecken vorstellen.

Vieler Orten wird während der Berlin Art Week in die Zukunft geblickt und ein Augenmerk auf junge Kunst gerichtet: Mit dem Preis der Nationalgalerie, dem ›ars viva‹-Preis und der Schau ›Artists of the Year‹ finden dieses Jahr gleich drei namhafte Nachwuchskunstpreise während der Berlin Art Week statt. Und das Gallery Weekend Berlin ergänzt seinen angestammten Termin im Frühjahr erstmalig mit einer Herbstausgabe, die sich unter dem Stichwort ›*Discoveries‹ noch weniger bekannten Positionen widmen wird. (Dass man vor zehn Jahren statt von ›Discoveries‹, also ›Entdeckungen‹, wahrscheinlich etwas euphemistisch von ›emerging artists‹, von ›aufstrebenden Künstler*innen‹ gesprochen hätte, zeigt an sich schon die entsprechende Verschiebung der Perspektive an.)

Gleichzeitig fällt aber auf, dass viele der Institutionen Berlins, einer Stadt, die sich ihre Geschichte während der letzten Jahrzehnte immer als Werden, Entstehen und als Vornedran am Neuen und Allerneuesten erzählt hat, inzwischen etabliert sind. 30 Jahre ist die Gründung der KW Institute for Contemporary Art, jener in vielerlei Hinsicht emblematischen Berliner Institutionsgründung der Jahre nach 1989, etwa her. Das Jubiläum wird mit einem großen Programm gefeiert. Der gerade schon angesprochene Preis der Nationalgalerie existiert seit über 20 Jahren, das Gallery Weekend Berlin seit mehr als 15. Und die Berlin Art Week selbst hat mit ihrer zehnten Ausgabe ebenfalls Grund zu feiern.

Philippe Van Snick, Dag/Nacht, 1984–fortlaufend, Installationsansicht Eingangstor KW Institute for Contemporary Art, Foto: Frank Sperling, Courtesy Tatjana Pieters

Wir wollen dieser spezifischen Mischung aus Ausblick und Rückblick auch im Journal Rechnung tragen und Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der ›Kunststadt Berlin‹ gleichermaßen in den Blick nehmen. Hans-Jürgen Hafner und Kito Nedo werden dazu in einem Essay die nicht immer einfache Gemengelage sortieren, die diversen Zuständigkeiten, Probleme und Chancen angesichts einer Reihe anstehender oder sich vollziehender Verschiebungen im institutionellen Gefüge der Stadt. Dazu haben wir eine Reihe von Protagonist*innen der Berliner Kunstszene, insbesondere von Institutionsseite, um Statements nach ihrer Einschätzung der Lage gebeten: Wo steht Berlin in Sachen zeitgenössischer Kunst? Wie soll es weitergehen? Und was wird dazu benötigt?

Selbstverständigung findet aber immer auch über die Geschichten statt, die man sich von der Vergangenheit erzählt. Wird das Heute instabil, so erfasst das auch das Gestern. Es wird geöffnet und neu verhandelt, das Aussortierte und Verdrängte kann sichtbar gemacht werden. Neben allerlei erinnerungspolitischen Debatten zeigt sich das—im Blick auf bestimmte künstlerische Ansätze—beispielsweise auch in einer gestiegenen Aufmerksamkeit für Archive. Bei der Berlin Art Week findet sich das etwa in Projekten wie ›Vulnerable Archives‹ von Savvy Contemporary in Kooperation mit dem Haus der Kulturen der Welt wieder, der Ausstellung ›Más Allá, el Mar Canta‹ im Times Art Center Berlin, die sich der Geschichte der chinesischen Diaspora in Lateinamerika widmet, oder in der vielschichtigen Herangehensweise der Künstlerin Sung Tieu—einer der vier Nominierten für den Preis der Nationalgalerie—an Archivalien und die Fabrikation von Fakten.

Christopher Cozier, Home/Portal, 2017, digitale Farbfotografie. © Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers

Maxwell Alexandre, Conny Maier, Zhang Xu Zhan

Auch die Arbeit der Künstlerin Elske Rosenfeld ist von Themen des Archivs und der Geschichte geprägt. Dieses Jahr wird ihre Arbeit gleich in zwei Projekten in der nGbK zu sehen sein. Rosenfeld setzte sich die letzten Jahre verstärkt mit der Rolle dissidenter Geschichten in der DDR sowie dem Verschwinden spezifischer, in diesem Umfeld entstandener künstlerischer Praxen und Ansätze nach 1990 auseinander. Das ausführliche Interview mit ihr im Journal macht auf geradezu exemplarische Weise deutlich, wie viel in Bezug auf Geschichtsschreibung systematisch verschüttet, übergangen, aussortiert wird—und was alles der Auf- oder gar Durcharbeitung harrt. Die Gestaltung der Zukunft hängt unmittelbar und zentral davon ab, welche Geschichten man sich von der Vergangenheit erzählt. Und davon, wie man sich diese Geschichten erzählt.

DAS KÖNNTE IHNEN AUCH GEFALLEN