Guided TourPessimismus des Modells, Optimismus der Straße
Guided Tour von Arts of the Working Class
Wir treffen uns in der Bar Internationale
für Pizza und eine Einführung (13.00 Uhr), bevor wir uns auf einen zehnstündigen Parcours begeben, der von Mitte über Charlottenburg nach Kreuzberg und Schöneberg führt. Sich so intensiv auf diese Gallery Night einzulassen heißt, ein Modell zu zerlegen: die Wiederholung von Eröffnungen, den zur Notwendigkeit stilisierten Profit. Gemeinsam zu flanieren bedeutet, den Unterbrechungen der Straße zu begegnen, wo Gesten Konformität sprengen und ihren eigenen Rhythmus behaupten.
Wir beginnen in Mitte, wo das Modell am stärksten kodifiziert erscheint – und zugleich auf sein Spiegelbild trifft. Andrea Fraser bei Nagel Draxler
macht die Institution selbst zum Thema. Matti Braun bei BQ
verwebt stille Materialien zu transkulturellen Welten. Daniel Hölzl bei Dittrich & Schlechtriem
legt das Gerüst der Ausstellung offen. Bei neugerriemschneider
entfalten Thilo Heinzmann, Michel Majerus und Ho Tzu Nyen Spannungen zwischen Geste, Archiv und Mythos. Ulrike Theusner und Allistair Walter bei Eigen+Art
treiben Figuration an ihre Grenzen. Louis Fratino bei Neu
inszeniert Intimität als Beharrlichkeit. Andrea Zittel bei Sprüth Magers
formt Leben zu bewohnbarer Architektur—mit all ihren Verheißungen und Ausschlüssen.
Dann führt uns der Weg nach Wedding, geprägt von Verdrängung wie Neuerfindung: Mischa Leinkauf bei Alexander Levy
greift in die Ströme der Stadt ein, André Masson bei Levy Galerie
verschiebt Landkarten mit psychischen Terrains, und Arhun Aksakal bei Ebensperger
zerlegt Narrative.
In Charlottenburg tragen Maßstab und Kanon Gewicht, doch ihr Anspruch bleibt umstritten. Neu in der Stadt, seit Langem im Geschäft: Wir besuchen die Ausstellung zur allerersten Berliner Eröffnung der Galerie Max Mayer
mit Ei Arakawa, der Performance in eine volatile Grammatik der Beziehung verwandelt. Eine Gruppenausstellung bei Société
vervielfacht die Gegenwart. Katharina Grosse und Grace Weaver bei Max Hetzler
sättigen Oberfläche und Haltung. Robert Colescott und Christelle Oyiri bei Buchholz
stellen Satire gegen Erinnerung. Julia Irlinger und Dan Walsh bei Thomas Schulte
dehnen Abstraktion zu räumlicher Grammatik. Thomas Zipp und Carrie Mae Weems bei Barbara Thumm
verknüpfen Psychiatrie, Rasse und Geschichte zu einem aufgeladenen Dialog. Bei Tanja Wagner
bringt eine Gruppenausstellung Fürsorge als Methode, Widerstand als Form.
In Kreuzberg bleibt der Optimismus der Straße hörbar: eine Gruppenausstellung bei Heidi
als flüchtiger Chor; Jesse Darling bei Molitor
mit prekären Infrastrukturen; Adam Pendleton bei Pace
mit subtiler Poetik; und Monsieur Zohore bei KOW
, der Humor in eine Waffe verwandelt. Pieter Schoolwerth bei Kraupa-Tuskany Zeidler
bricht die Figuration auf. Carolyn Lazard bei Trautwein Herleth
denkt neu, was als Ressource gelten kann. Schließlich erreichen wir ChertLüdde
—mit Ausstellungen jenseits des offiziellen Berlin Art Week-Programms.
Immer wieder kehren drei Dringlichkeiten zurück: Verdrängung durch Spekulation; Unsichtbarkeit von Arbeit; Der Kampf um Besitz – von Raum, Erinnerung und Zukunft.
Termine
Do, 11 SEP, 13—23 Uhr