Lu Yang

von 
Lu Yang, Foto: Wang Shenshen

Lu Yang über die buddhistische Einheit von Weisheit und Mitgefühl, Vulkanklippen und den Reiz niedlicher Spielzeuge.

Im Rahmen der Featured Night am 11 SEP wird im historischen Kochhaus der DRK Kliniken Berlin Westend die Installation ›Lu Yang | Doku: Triage‹ eröffnet 

Gibt es ein tägliches Ritual, das Ihnen Struktur oder Inspiration gibt?
Ich habe keine festen Rituale und verfolge auch keine strikten Tagesabläufe. Ich lebe und arbeite grundsätzlich danach, wozu ich mich im jeweiligen Moment hingezogen fühle. Ich vollziehe auch keine Rituale in der Hoffnung, dadurch Inspiration zu finden. Je mehr man erwartet, dass etwas geschieht, desto unwahrscheinlicher scheint es einzutreten—und ich glaube nicht, dass es gesund ist, in einem ständigen Zustand der Erwartung zu leben.
Ich genieße es, alleine zu sein. Oft fahre ich allein zu Klippen, Küsten oder abgelegenen Naturlandschaften. Anstatt zu versuchen, etwas herbeizuführen, lasse ich die Dinge lieber ihren eigenen Ursachen und Bedingungen entsprechend ihren Lauf nehmen. 

Was würden Sie tun, wenn Zeit, Geld und andere Ressourcen keine Rolle spielen würden?
Ich hätte gern ein fast unsichtbares Support-Team—Menschen, die mich fahren, sich um alle praktischen Dinge kümmern und mir helfen, um die Welt zu reisen, während ich dabei die Freiheit und Ruhe behalte, mich zu fühlen, als wäre ich völlig allein unterwegs.
Mit wirklich unbegrenzten Ressourcen würde ich außerdem Menschen mit Weisheit, Mitgefühl und echter fachlicher Expertise zusammenbringen, um Probleme wie Krieg, Krankheit, Hunger, fehlende Bildung und strukturelle Ungerechtigkeit anzugehen—um zu versuchen, einige der Probleme zu adressieren, an denen die Welt schon so lange scheitert.
Das würde aber nicht einfach bedeuten, Geld zu verteilen. Gute Absichten, die nicht von Weisheit geleitet sind, können völlig neue Probleme schaffen. Ich würde die besonderen Bedingungen, kulturellen Hintergründe und tatsächlichen Bedürfnisse jedes Ortes verstehen wollen, bevor ich Lösungen entwickle, die langfristig funktionieren können. Meine Hoffnung wäre, die Welt in Richtung einer friedlicheren, gerechteren, weiseren und mitfühlenderen Form von Zivilisation zu bewegen. 

Gab es ein Buch, das Ihre Sichtweise nachhaltig verändert hat—und warum würden Sie es weiterempfehlen?
Es fällt mir schwer, mich auf nur eines festzulegen. Sobald ich lesen konnte, begann ich, die buddhistischen Bücher meiner Großmutter zu lesen, viele davon waren für ältere Laienpraktizierende geschrieben. Sie formten das erste Fundament meines Glaubens. Als ich älter wurde, begegnete ich vielen buddhistischen Sutren und Kommentaren großer Meister*innen. Verändert hat mich nicht ein einzelnes Buch, sondern ein ganzes ineinandergreifendes System von Weisheit.
Müsste ich jedoch westlichen Leser*innen ein relativ zugängliches Buch empfehlen, würde ich wahrscheinlich ›Das tibetische Buch von Leben und Sterben‹ wählen. Es nähert sich dem Leben über das Thema Tod und behandelt Bewusstsein, Angst und Verlust. Das sind keine Fragen, die nur Buddhisten betreffen, sondern solche, denen sich jeder Mensch irgendwann stellen muss. 

Was hätten Sie gerne früher gewusst?
Ich wünschte, ich hätte früher begonnen, die buddhistische Einheit von Weisheit und Mitgefühl zu verstehen. Das Mahāprajñāpāramitā-Sūtra beschreibt den Bodhisattva-Pfad als auf allwissende Weisheit ausgerichtet und von großem Mitgefühlgeleitet. Das Vimalakīrti-Sūtra sagt: »Weisheit ohne geschickte Mittel ist Bindung; Weisheit mit geschickten Mitteln ist Befreiung. Geschickte Mittel ohne Weisheit sind Bindung; geschickte Mittel mit Weisheit sind Befreiung.« Das Diamant-Sutra lehrt, dass ein Bodhisattva geben soll, ohne an irgendetwas festzuhalten.
Diese Lehren weisen darauf hin, dass großes Mitgefühl, Weisheit und geschickte Mittel zusammenwirken müssen, statt getrennt zu bestehen. Das ist etwas, das ich mir wünschte, früher studiert zu haben, und das ich noch immer lerne.

Wo tanken Sie Kraft?
Ich tanke neue Energie in Landschaften, die weit, menschenleer und sogar ein wenig bedrückend wirken: in den schneebedeckten Bergen der Schweiz; auf den vulkanischen Hochebenen Neuseelands, in seinen Gletschertälern, schroffen Gebirgszügen, Fjorden und der schier endlosen Wildnis, die an die Welt aus ›Der Herr der Ringe‹ erinnert; an den schwarzen Vulkanklippen und der aufgewühlten See der Izu-Halbinsel; und an den kalten, rauen Küsten Nordeuropas.
Auch Island wollte ich schon immer bereisen—und dort in Landschaften eintauchen, die von schwarzen Lavafeldern, Vulkanen, Gletschern und stürmischer See geprägt sind und wirken, als stammten sie von einem anderen Planeten.

Mich ziehen weder komfortable Strände in Ferienresorts noch kleine, sanfte Wälder an. Ich brauche Natur in einer Dimension, die den Menschen bei Weitem übersteigt. Angesichts solcher Landschaften löst sich das Gefühl des eigenen »Ichs« für einen Moment auf, und der angesammelte Lärm und die Unruhe des Geistes beginnen sich aufzulösen.

Welches Kunstwerk hätten Sie gern bei sich zu Hause?
Darüber habe ich ehrlich gesagt nie wirklich nachgedacht. Ich beschäftige mich weder besonders viel mit zeitgenössischer Kunst noch sammle ich siees gibt auch kein spezielles berühmtes Kunstwerk, das ich gerne besitzen würde.
Viel eher kaufe ich Spielzeuge, die ein bisschen albern aussehen, ausdruckslos, aber sehr süß. Ich verteile sie in meiner Wohnung und sie zu sehen, macht mir gute Laune.

Welcher Ausstellungsort in Berlin inspiriert Sie?
Darauf kann ich noch keine ehrliche Antwort geben. Eigentlich bin ich immer nur für meine eigenen Ausstellungen nach Berlin gekommen. Und dann habe ich die meiste Zeit mit Arbeiten und dem Aufbau verbracht oder war auf Events. Dadurch hatte ich ironischerweise wenig Gelegenheit, andere Berliner Ausstellungsorte zu besuchen.
Ich hoffe, dass ich dieses Mal etwas mehr Zeit habe, meine eigene Antwort auf die Frage zu finden.

Was fasziniert Sie an Berlin?
Ich bin dem Berliner Publikum immer sehr dankbar für die Offenheit, die es meiner Arbeit entgegenbringt. An konservativeren Orten oder in anderen kulturellen Kontexten kann meine Arbeit schnell missverstanden, verurteilt oder sogar angegriffen werden, bevor die Menschen sich überhaupt die Zeit genommen haben, sich richtig damit auseinanderzusetzen.
Das Berliner Publikum ist im Allgemeinen eher bereit, sich auf ein Werk einzulassen und etwas Unvertrautes, Widersprüchliches oder sogar Unbequemes zunächst einfach stehen zu lassen, bevor es sich allmählich eine eigene Meinung bildet. Diese Offenheit ist für mich etwas sehr Wertvolles.
Und es gibt noch einen ganz alltäglichen Grund: Das vietnamesische Essen in Berlin ist wirklich gut.

Auf welchen Gegenstand können Sie nicht verzichten?
Wahrscheinlich mein Computer. Für mich ist er nicht nur kreatives Werkzeug, sondern auch mein Atelier, meine Leinwand, mein Schnittraum, mein Musikinstrument und mein Zugang zu virtuellen Welten.
Viele meiner Arbeiten entstehen aus dem Nichts am Computer. Er erweitert mein Denken und lässt Welten, die zuvor nur im Bewusstsein existierten, Bilder, Klänge und Körper annehmen. Er ist wahrscheinlich der Gegenstand, auf dem ich im Leben am wenigsten verzichten könnte. 

Was treibt Sie an?
Ich muss mich eigentlich nicht zum kreativen Schaffen motivieren. Ich habe keinen Druck im Nacken und ich muss mir auch keine Ziele stecken, um mich anzutreiben. Das Arbeiten fühlt sich für mich vielmehr wie eine Kraft an, die aus sich selbst heraus entsteht. Es ist Teil meiner Natur und liegt im Kern meines Lebens.
Kreatives Schaffen ist mein größtes Interesse und fast eine Obsession. Würde ich vollständig aufhören, hätte ich das Gefühl, dass das Leben seinen Wert verloren hätte, und ich würde in eine tiefe Leere fallen. Anstatt zu sagen, dass mich etwas am Leben hält, würde ich sagen, dass mein Leben einfach so funktioniert.

Mit welcher Persönlichkeit würden Sie gern ein Gespräch führen—und worüber würden Sie sprechen?
Den Buddha natürlich. Aber wenn ich so richtig darüber nachdenkegibt es eigentlich gar nichts, was ich ihn unbedingt fragen wollen würde.
Der Buddha hat bereits eine so umfassende Lehre hinterlassen.
Das eigentliche Problem ist, dass ich sie noch nicht ausreichend studiert, verstanden und konsequent praktiziert habe. Da die Weisheit bereits vorhanden ist, erscheint es mir nicht so wichtig, ob ich ihm persönlich begegnen könnte. Solange der Dharma mich weiterhin leitet, habe ich das Gefühl, jeden Tag im Gespräch mit dem Buddha zu sein.

Worauf freuen Sie sich, wenn ein Arbeitstag zu Ende geht?
Ich habe eigentlich kein klares Konzept davon, wann der Arbeitstag endet. Normalerweise mache ich weiter, bis ich völlig erschöpft bin, dusche dann, schlafe, wache auf und beginne wieder zu arbeiten.
Das Unmittelbarste, worauf ich mich beim Arbeiten freue, ist herauszufinden, ob das Takeaway-Essen, das ich bestellt habe, tatsächlich schmeckt.
Wenn ein langes Projekt endlich zu Ende geht, freue ich mich immer schon darauf, wieder allein aufzubrechen—zu Klippen, Küstenlinien, Tälern, schneebedeckten Bergen oder Gletschern—wo ich für eine Weile in gewaltiger Natur verschwinden kann.