Für den Empfang zur Eröffnung der ersten Berlin Art Week hatten sich die Macher*innen das Stadtbad Oderberger Straße in Berlin Prenzlauer Berg ausgesucht. Am Beckenrand des trockengelegten Schwimmbads traf man sich während des neuen Publikumsfestivals für zeitgenössische Kunst, um zu feiern: die Stadt und die Kunst, vor allem aber das Gelingen eines Experiments. Dass man geschafft hatte, was damals, vor 15 Jahren, im September 2012, einer Sensation glich, nämlich, dass sich Vertreter*innen von Kunsthandel, Kunstinstitutionen und dem Senat zusammengeschlossen hatten, dass so viele an einem Strang zogen, etwas Neues wagten, sich mit vereinten Kräften für den Kunststandort Berlin einsetzten.
Das Stadtbad an der Oderberger Straße—erbaut ab 1899, 1902 erstmals als Badeanstalt eröffnet, 1986 aus Sicherheitsgründen geschlossen, danach lange Jahre leerstehend und erst 2016 für den Schwimmbetrieb wieder geöffnet—ein Ort, der ebenfalls gerade dabei war, sich neu zu erfinden, passte gut zu dem Gefühl des Aufbruchs, das den Abend prägte. Da war etwas am WACHSEN, hier wie da.
Erforderlich war das, im Falle der Berlin Art Week, weil etwas anderes weggebrochen war. Am Anfang nämlich war die Krise. Ende Mai 2011 war das Ende der Kunstmesse Art Forum offiziell verkündet worden, die bis dahin dem Berliner Kunstherbst einen Eintrag im internationalen Kunstkalender gesichert hatte. Verhandlungen über einen möglichen Zusammenschluss zwischen der jüngeren abc – art berlin contemporary und dem Art Forum hatten ins Leere geführt. Nach 15 Jahren war in Sachen Art Forum die Messe gelesen, endgültig. Was blieb, war ein Vakuum, Katerstimmung und die Sorge um die Relevanz des Standorts. Die beiden verbliebenen Messen, abc – art berlin contemporary und Preview, wandten sich an die Wirtschaftsverwaltung, die wiederum holte die Kulturprojekte Berlin mit ins Boot, sowie die Kulturverwaltung. So fand sich der sogenannte Initiativkreis zusammen, Direktor*innen der zu dem Zeitpunkt großen, maßgeblichen Kunstinstitutionen der Stadt wurden dafür gewonnen. Die Kulturprojekte als gemeinnützige Landesgesellschaft verantwortete fortan Koordination und Kommunikation.
Idee und Konzept der Berlin Art Week entstanden in kürzester Zeit. Für die erste Ausgabe musste viel improvisiert werden. Vorbilder gab es keine, vielmehr wurde die Berlin Art Week später zum Erfolgsmodell für andere internationale Kunstwochen. Sie selbst entstand aus der DNA Berlins heraus, mit dem Ziel die Aufmerksamkeit auf all das zu lenken, was Berlin als Kunststadt ausmacht, auf das komplexe Ökosystem, das die vielen Institutionen, Szenen und Akteur*innen am Leben hält. Leitend war dabei der Gedanke, die Dezentralität der Stadt, das Konglomerat der Szenen als Stärke zu verstehen, dem in einem konzentrierten Moment—Aufmerksamkeit durch Verdichtung—Sichtbarkeit verliehen werden sollte. Die größte Aufgabe in den ersten Jahren war es entsprechend, Szenen, die zuvor getrennt voneinander agierten, zumindest für ein paar Tage zu vereinen, eine gemeinsame Identität zu schaffen, weil die Summe mehr ist als die einzelnen Teile.
An Orten, die VERBINDUNGEN schufen und weiter schaffen, ließe sich die Geschichte der Berlin Art Week erzählen: An der Auguststraße, dem schöpferischen Epizentrum der Nachwendezeit, wo die Berlin Art Week 2013 ein großes Eröffnungsfest veranstaltete, den vielen anderen, die durch Veranstaltungen der Berlin Art Week bespielt wurden, darunter das Haus der Statistik am Alexanderplatz, die Uferhallen mit ihren Ateliers im Wedding oder der Mariannenplatz.
Oder an dem, was über die Jahre alles dazu kam, ausprobiert wurde. Schon 2013 suchte eine Jury, bestehend aus der Künstlerin Monica Bovicini, Kurator Kasper König und Kritikerin Claudia Wahjudi, zehn temporäre Partner*innen aus: Projekträume, kleine Institutionen, kommunale Galerien, Kollektive. Der Preis der Projekträume wurde über Jahre im Zeitraum der Berlin Art Week vergeben. Private Sammlungen öffneten ihre Räume. Namen änderten sich: Aus abc wurde Art Berlin, aus Preview wurde Positions. Formen, Inhalte, Diskurse trieb der Zeitgeist vor sich her. Gewachsen ist über die Jahre die Anzahl der Teilnehmenden. Mehr als 120 Partner*innen sind im Programm der Jubiläumsausgabe 2026 aufgelistet: Institutionen, private Sammlungen, Galerien, Projekte und die Kunstmesse Positions. Die Berlin Art Week wächst weiter, und zwar vor allem in die Breite. Nicht, dass irgendwer es jemals geschafft hätte, alle Programmpunkte zu besuchen—was die Berlin Art Week zweifellos immer bewirkt, ist, dass sie Szenen und Besucher*innengruppen in Bewegung setzt, dazu einlädt, sich neue Wege zu erschließen.
Sie ließe sich auch an den Herausforderungen erzählen, die es immer wieder gab. Als mit der Art Berlin die nächste Messe scheiterte, musste neu justiert werden, weil die anlassbezogene Erzählung wegfiel. Corona mit seinen Beschränkungen brachte eine Vielzahl organisatorischer Hürden mit sich. Gleichzeitig stellte sich die Pandemie wieder als eine Krise heraus, die Synergien befeuerte: Das Gallery Weekend verschob einen Teil seiner Aktivitäten im zweiten Coronajahr in die Berlin Art Week. Mit *Discoveries präsentierten die Galerien Ausstellungseröffnungen junger Neuentdeckungen. Mit der Gallery Night, die sich daraus verstetigte, der Verleihung des VBKI-Galerienpreises sowie weiteren Galerienprojekten sind Galerien als FÖRDERER von Kunst inzwischen stärker denn je in der Berlin Art Week verankert.
Eine besondere Herausforderung war, wie dies bei so vielen Kulturveranstaltungen der Fall ist, von Anfang an die Finanzierung. Für langjähriges Sponsoring konnten zunächst die Deutsche Bank, dann die GASAG und aktuell die Berliner Volksbank gewonnen werden. Auch die Förderung durch die Wirtschaftsverwaltung kam regelmäßig per Förderbescheid und die spätere Integration in den Kulturhaushalt brachte mehr Planungssicherheit. Zeitweise zumindest. Im Zuge der massiven Kürzungen im Kulturhaushalt 2026/27 des Berliner Senats, wurde auch die Basisfinanzierung der Berlin Art Week gestrichen—nur der Anteil der Wirtschaftsverwaltung blieb bestehen. Die Kürzungen treffen zudem die Partner*innen, die Institutionen, besonders aber die freie Szene. Bei den Kulturprojekten selbst wurde in einem Maß gekürzt, das die Infrastruktur ins Wanken brachte. Gegenwärtig helfen noch die Rücklagen der Kulturprojekte. Ab 2028 kann es ohne angemessene Förderung durch das Land nicht weitergehen.
15 Jahre Berlin Art Week sind ein Grund zurückzublicken und WEITERZUDENKEN. Gemeinsam mit Menschen, die die Berlin Art Week von Anfang an, über viele Jahre oder ein kleines Stück über begleitet haben. Denn nach wie vor ist es das, was die Berlin Art Week mit jeder Ausgabe schafft: zu vernetzen und zu aktivieren, Begegnungen zu ermöglichen, aus denen sich Neues entwickeln kann.
15 YEARS BERLIN ART WEEK
Das limitierte Booklet zum 15. Jubiläum der Berlin Art Week zeichnet auf 128 Seiten in Essays, Interviews und Bildstrecken die Entwicklung der Berlin Art Week in den vergangenen 15 Jahren nach, wirft einen Blick auf den Status quo und wagt einen Ausblick auf die Zukunft der Kunststadt Berlin. Mehr als 50 Stimmen aus der Berliner Kunstszene teilen ihre persönlichen Perspektiven.