Die Lyrikerin Anne Carson beschrieb einst einen irritierenden Traum, in dem sie ihr vertrautes Wohnzimmer nachts »im Schlaf überrascht« und von der »Schlafseite her betreten« hat, was es trotz gewohnter Ordnung vollkommen anders erscheinen ließ. In den Gemälden von Aubrey Levinthal, Biala und Tal R schwingt ein ähnliches Gefühl mit, bei dem das Geheimnis direkt hinter der Alltäglichkeit der Dinge liegt. Die Werke balancieren auf der feinen Trennlinie zwischen dem absolut Vertrauten und dem Fremden und erzeugen eine Spannung zwischen intimer Nähe und rätselhafter Distanz, dargestellt durch geschlossene Augen und blickdicht übermalte Spiegel.
Thematisch dreht sich die Ausstellung um ein Paradoxon: Wie wird das Private universell anwendbar, und wie nähern sich Malerinnen und Maler verschiedener Generationen dieser Herausforderung? Alle drei Künstler*innen teilen die Neigung, scheinbar vertraute Situationen subtil aufzubrechen und zu verfremden. Bei Biala und Levinthal geschieht dies oft durch eine unerwartet gekippte oder verflachte Perspektive in ihren Stillleben und Interieurs. Regale, Fensterbänke, Tische und Fliesenböden ragen steil nach oben und drängen sich förmlich in den Blick—die Objekte wirken in dieser verschobenen Geometrie seltsam schwebend—oder sie kippen weg und verlieren sich in schattigen Leerräumen.
Biala war eine in Polen geborene jüdisch-amerikanische Künstlerin, die dafür gefeiert wurde, einen transatlantischen Dialog zwischen der europäischen Moderne und der New York School des Abstrakten Expressionismus aufzubauen. Ihre Darstellungen von Raum, Licht und Oberfläche wirken gelebt—intim und taktil, aber mit einer sanften Instabilität, die von der Bewegung und Beziehungsdynamik der Dinge in der Welt erzählt: dem Kreislauf der Objekte durch Räume, die von den darin lebenden Menschen aufgehoben, abgestellt und im Haus umherbewegt werden. In ›Black Still Life with Artichokes‹ scheinen Töpfe und Tassen kaum zusammengehalten zu werden, ihre Formen und Farben sind halb im Abdriften begriffen. In ›Standing Figure (Girl with Slatbacked chair)‹ ist die Pose einer Frau frontal und dennoch rätselhaft—Lächeln und Hände stehen am Rande einer spektralen Auflösung.
Der in Israel geborene dänische Maler Tal R ist für eine unverwechselbare, kraftvolle Bildsprache bekannt, die Einflüsse von Art Brut und Volkskunst mit dem Expressionismus, Symbolismus und Fauvismus verbindet. Das Sammelsurium seiner visuellen Quellen beschreibt der Künstler selbst mit dem hebräischen Wort ›Kolbojnik‹, was übersetzt ›Reste‹ bedeutet. In der Arbeit ›Mirror‹ umrahmen plüschige Vorhänge einen verzierten Spiegel, dessen Reflexion geheimnisvoll zugemalt ist. Auch in ›Antique‹ scheint etwas überblendet oder zensiert: Eine schaurige, zähflüssige Leere baumelt direkt neben der Schaufensterauslage eines Antiquitätengeschäfts.
Die US-amerikanische Malerin Aubrey Levinthal malt aus dem täglichen Leben und hält dabei eine feine Balance zwischen Melancholie und Wärme, Gemeinschaft und Isolation. Ihre Figuren sind oft Frauen, die sich ebenso nah wie distanziert und unerreichbar anfühlen—versunken in Gedanken, schlafend oder bei alltäglichen Erledigungen. In dieser neuen Werkgruppe spielt sie mit dem Blick, indem sie ihn durch Fenster wandern lässt, durch einen Strauß Geranien oder fragmentiert durch Spiegelungen. Figuren sind in engen, angeschnittenen und versunkenen Räumen eingeschlossen. Wir befinden uns nie ganz im Raum, sondern blicken von einem anderen, unbestimmten Ort hinein. In ›Summer Mirror with Woman's Head‹ harmoniert der Haarknoten einer ruhenden Frau mit dem spiralförmigen Wirbel einer Muschel, was eine seltsam eindringliche Wirkung erzeugt. Wie Anne Carsons Traum vom schlafenden Wohnzimmer scheint das Bild kurz davor zu stehen, sich umzudrehen und ein vorenthaltenes Geheimnis zu offenbaren. Man fühlt sich an die wiederkehrende Vision von Madeleines hochgestecktem Haar in Hitchcocks ›Vertigo‹ erinnert—das Verlangen, in dieses Bild hineinzugreifen, etwas von seiner ›anderen Seite‹ herauszuziehen, und gleichzeitig das Wissen, dass dahinter vielleicht nicht mehr steckt als die betörende Wirkung eines kleinen Zufalls.
Die Ausstellung bietet dem Publikum nicht nur einen tiefen Einblick in den künstlerischen Denkprozess von Aubrey Levinthal und beleuchtet direkte Inspirationsquellen für eine jüngere Malergeneration; sie gibt auch einer Künstlerin wie Biala, die Europa 1939 als in Polen geborene jüdische Einwanderin verlassen musste, ihre künstlerische Präsenz und Sichtbarkeit zurück. Ihre Gemälde hallen im Kontext der zeitgenössischen Malerei und der weiblichen Subjektivität von heute weiterhin nach.
Bialas Werk wurde bislang nur einmal in Berlin ausgestellt, und zwar 1966 im Amerika-Haus in Berlin in der Gruppenausstellung ›10 Américains de Paris‹. Ihr Bild ›Untitled (Three Glasses)‹ von 1962 wurde zwar 2022 im Museum Barberini in Potsdam im Rahmen der Ausstellung ›Die Form der Freiheit. Internationale Abstraktion nach 1945‹ gezeigt, in Berlin selbst ist dies jedoch mit dieser Ausstellung nach genau 60 Jahren eine Premiere.