Esther Schipper freut sich, die zweite Einzelausstellung von David Claerbout mit der Galerie zu präsentieren. Unter dem Titel Repose werden vier Arbeiten erstmals in Berlin gezeigt: The woodcarver and the forest, 2025, Birdcage, 2023, Backwards Growing Tree, 2023, und Eagle Eye, 2026. Neben den Videoarbeiten sind zudem mehrere Arbeiten auf Papier zu sehen.
Alle gezeigten Filme setzen sich mit unserem Verhältnis zur Natur und der Art und Weise auseinander, wie wir gelernt haben, die Welt zu sehen. In The woodcarver and the forest beobachten wir einen Holzschnitzer, der Holzblöcke zuschneidet, um einen Löffel nach dem anderen herzustellen. Die Handlung wirkt meditativ, bis uns bewusst wird, dass jede Geste ihren Preis hat: Vor seinem Fenster schwindet langsam der Wald entsprechend der wachsenden Anzahl an Löffeln. Die üppigen Gärten eines herrschaftlichen Anwesens in Birdcage werden zum Schauplatz eines gewaltsamen Ausbruchs, der die Szene—und die Betrachtenden—aus der scheinbaren Ruhe in einen Zustand der Anspannung und Angst versetzt. In Eagle Eye liegt ein Weißkopfseeadler wach, aber bewegungsunfähig auf einem Operationstisch, was unsere Assoziation des Adlers als Symbol der Stärke auf den Kopf stellt. Backwards Growing Tree porträtiert einen einsamen Baum in italienischer Landschaft, der über fünf Jahre beobachtet und digital rekonstruiert wurde. Indem er dessen natürliches Wachstum umkehrt, bringt Claerbout unser Zeitgefühl durcheinander.
Mit Repose setzt der Künstler seine langjährige Auseinandersetzung mit Zeit und Dauer fort. Drei der Arbeiten—Eagle Eye, The woodcarver and the forest und Backwards Growing Tree—entfalten sich über mehrere Stunden oder Jahre. Durch diese extremen Zeiträume entsteht eine Echtzeitkomponente, die den Verlauf der Filmzeit mit dem der Betrachtungszeit in Einklang bringt. Damit rückt Claerbout die Filmzeit in die Nähe der biologischen Zeit, die im Takt lebendiger Prozesse verläuft und unserer Aufmerksamkeit entzogen ist. Es ist eine ereignislose und psychologisch ineffiziente Filmzeit. Sie läuft unserer visuellen Kultur zuwider, die uns konditioniert hat, nach Stimulation und Belohnung zu suchen.
Als fester Bestandteil seiner Praxis begleitet eine kleine Anzahl von Zeichnungen jedes von Claerbouts Projekten. Sie sind eine Mischung aus Vorstudien, Notizen aus dem Produktionsprozess und konzeptuellen Überlegungen. Es handelt sich dabei nicht einfach um Skizzen für die Filme, sondern um eine Methode, den Denkprozess und die Komplexität sowie die Zeitlichkeit der Videoarbeiten mithilfe von Licht- und Farbstudien sowie Sequenzierungs- und Montagetechniken auf Papier zu übertragen.Anstatt einer romantisierten Vorstellung von Natur nachzugehen, hinterfragt die Ausstellung unsere Wahrnehmung der Welt. Indem der Künstler die übliche Reihenfolge dessen, was unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht und was als Hintergrund gilt, umkehrt, lenkt er unseren Blick auf das, was beim Sehen an der Peripherie bleibt.
Anstatt einem einzelnen Ereignis zu folgen, erleben die Betrachtenden mehrere Prozesse gleichzeitig. So stellen Claerbouts Werke den starren, einzelnen Blick der Kamera in Frage und nähern sich einer Sichtweise, die besser auf unser Dasein und unsere Physiologie abgestimmt ist. Die menschliche Wahrnehmung ist niemals einheitlich, sondern entsteht durch den Wettstreit der Sinneseindrücke, die von zwei Augen, zwei Ohren und zwei Gehirnhälften wahrgenommen werden. Dies führt zu unzähligen Eindrücken, die vielfältige Möglichkeiten bieten, der Welt zu begegnen.
Repose bringt die Arbeiten in einem abgedunkelten Raum miteinander ins Gespräch und lädt uns ein, Szenen der Zerstörung und Regeneration, mögliche Gefahren und beständige Schönheit zu betrachten. Claerbouts Arbeiten nutzen neue Technologien, um einen hyperrealistischen Effekt zu erzeugen—ein Thema, das das Œuvre des Künstlers schon lange vor der Allgegenwärtigkeit digitaler und KI-generierter Bilder geprägt hat. Seine Bilder lassen ein Bewusstsein für ihren Status als Darstellungen erkennen und machen die Betrachtenden auf die ungewissen Grenzen zwischen dem Technischen und dem Organischen sowie dem Künstlichen und dem Natürlichen aufmerksam. Laut Claerbout bewegt sich unsere Wahrnehmung an der Schnittstelle dieser Bereiche, im ständigen Spannungsfeld zwischen dem, was wir sehen, und dem, was wir glauben.