Ausgehend von einem Zustand der Ungewissheit erforscht Ikemura die Möglichkeit, sich in einer von Wandel geprägten Welt neu zu orientieren. Die Schärfung der Sinne erscheint hier als ein Prozess des Suchens und Wiederentdeckens—ein Erwachen des Bewusstseins für die eigene Umgebung.
Die räumliche Gestaltung der Ausstellung wird durch drei grüne Figuren geprägt—›Green Baby‹, ›Green Mom‹ und ›Dear Spirit‹. Grüne Wände und Lichtakzente in Gelb und Dunkelblau schaffen eine Atmosphäre, die an den Übergang vom Tag zur Nacht erinnert und den Kreislauf des Werdens und Vergehens heraufbeschwört. Die Figur ›mamagirl‹ scheint diesen Schwellenraum als wachsame Präsenz zu begleiten.
Mit ihrer neuen Skulptur ›Milk Lady‹ vertieft Ikemura ihre Auseinandersetzung mit Fürsorge, Verwandlung und Erneuerung. Die Figur nimmt Energie in sich auf und gibt sie als Nahrung für neues Leben wieder ab. Auf diese Weise entfaltet sich die Ausstellung als ein Kreislauf ohne Anfang und Ende.
Seit den 1980er Jahren beschäftigt sich Leiko Ikemura mit Aspekten des Übergangs, Transkulturalität und dem kollektiven Bewusstsein jenseits von Nationen und Geschlechtern. In ihrer Produktion wechselt die Künstlerin nahtlos zwischen leuchtenden und oft monumentalen Gemälden, introspektiven Zeichnungen und Aquarellen, glasierten Terrakotta-Skulpturen, Glas und Keramik.
Ikemuras Figuren, meist weiblich erscheinende Geisterwesen, können als kindlich-trotzig und unabhängig, zugleich jedoch zerbrechlich und ätherisch gelesen werden. Ihnen scheint die Kraft innezuwohnen, in mehreren Welten zu existieren. Mythische Mischwesen zwischen Menschen und Tier bevölkern ihre künstlerische Welt. So vereint beispielsweise das omnipräsente Sujet Usagi Hasenohren mit einem menschlichen weiblichen Körper. Dieses Sujet, von Ikemura erstmals nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima und in Reaktion auf diese geschaffen, verkörpert universelles Leiden, Widerstandsfähigkeit und Erneuerung.
Ostasiatische Sansuiga-Maltraditionen, alte japanische Meister, der Surrealismus, die Nachkriegsabstraktion und die von ihr mitgeprägte figurative Malerei der 1980er Jahren inspirieren die Künstlerin gleichermaßen und verschmelzen als Einflüsse in ihren Werken.
Leiko Ikemura (イケムラレイコ, 池村玲子) wurde in Tsu in der Präfektur Mie, Japan, geboren und lebt und arbeitet in Berlin. Sie studierte an der Osaka University of Foreign Studies und an der Universität der Schönen Künste in Sevilla, bevor sie sich in Europa niederließ. Von 1991 bis 2015 war sie Professorin für Malerei an der Universität der Künste Berlin.
Ikemuras Werke sind in bedeutenden internationalen Museumssammlungen vertreten, darunter im Centre Pompidou, Paris; im Nationalmuseum für moderne Kunst, Tokio; im Kunstmuseum Basel und im Museum Kunstpalast, Düsseldorf. Zu ihren jüngsten Einzelausstellungen zählen ›Motherscape‹, Albertina, Wien (2025); ›Das Meer in den Bergen‹, Kunstmuseum Chur (2025); ›Rising Light / Frozen Moment‹, Museum of Contemporary Art Tokyo (2024–2025); ›Floating Spheres‹, Kunsthalle Emden (2024); ›When Animals Become Art‹, The Feuerle Collection, Berlin (2023); ›Museo de Arte de Zapopan‹, Guadalajara, Mexico (2023); ›Witty Witches‹, Georg-Kolbe-Museum, Berlin (2023); sowie ›Towards New Seas‹, Kunstmuseum Basel (2019). Im Jahr 2025 wurde sie von der japanischen Regierung als ›Person mit kulturellen Verdiensten‹ ausgezeichnet.