Zunächst nur als kurzfristiger Aufenthalt geplant, zog sich Pichler kurz nach einer weiteren musealen Einzelausstellung 1971 im Wiener Belvedere, dem heutigen 21er Haus, ins Burgenland zurück. Dort entdeckte er ein Gehöft im Dorf St. Martin, das er erwarb und das seitdem seine Hauptwirkungsstätte und neben Wien Lebensmittelpunkt auch für seine Familie wurde. Der Umzug zurück aufs Land—Pichler war im ländlichen Tirol aufgewachsen—zog auch einen radikalen Wandel seiner Materialen nach sich. Fortan griff er auf organische Werkstoffe wie Holz, Beton, Ziegel, Lehm, Glas und Blei zurück und schuf sukzessive ein einzigartiges Universum aus Modellen, Skulpturen und Zeichnungen. Zeichnung war Pichler ein bevorzugtes Medium, denn sie diente ihm als Projektionsebene seiner Vorstellung. Doch vollzog er seine künstlerische Arbeit nicht nur am Papier oder Modell, sondern setzte sie oft in jahre- teilweise jahrzehntelanger Arbeit in Realität um. Stringent, präzise und räumlich ordnend ging Pichler an die Verwirklichung seiner bildhauerischen Vision heran, wobei idiosynkratische, archetypisch anmutende Skulpturen von archaischer Schönheit entstanden.
Sein sicher radikalster und in der modernen Kunstgeschichte beispielloser Schritt war dann die Entscheidung, für seine Skulpturen Behausungen zu bauen. Diese schlichten Häuser innerhalb des Hofgeländes dienten und dienen ausschließlich dem Zweck, die Skulpturen zu beherbergen. Pichler unterschied nicht mehr zwischen Raum und Skulptur; nur als Einheit sind sie zu betrachten. Die Häuser integrieren sich dabei in Bauweise und -materialien in die Architekturen dieser ländlichen Region an der Grenze zu Slowenien und Ungarn.
Seine äußerst persönliche Beziehung zu seinen Skulpturen hielten den Künstler größtenteils davon ab, diese zu verkaufen oder an Museen abzugeben—für die Werke, die bereits ein Haus ›bewohnten‹ schloss er den Verkauf völlig aus.
Niemand hat die Haltung Pichlers mehr verinnerlicht als seine Tochter Anna Tripamer, niemand durfte häufiger Zeugin seiner Produktionsprozesse werden, die in St. Martin den Familienalltag dominierten und gleichzeitig in diesen integriert wurden. Seine Frau Elfi Tripamer (1943—2025) wiederum war ihm dabei nicht nur als Fotografin der Werke kongenial verbunden.
Die von Anna Tripamer realisierte Präsentation bietet einen konzentrierten Einblick in das vielschichtige Werk eines Künstlers, dessen Auseinandersetzung mit Skulptur, Architektur und Raum bis heute nichts an ihrer Radikalität verloren hat.
Walter Pichler wurde am 1. Oktober 1936 in Deutschnofen, Südtirol, geboren. Er lebte und arbeitete in Wien und St. Martin an der Raab. Er studierte an der Kunstgewerbeschule in Innsbruck und an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Schon früh wurden seine Werke in renommierten internationalen Museen ausgestellt, darunter 1967 und 1975 im Museum of Modern Art in New York, 1968 auf der Documenta 4 in Kassel, 1982 im Österreichischen Pavillon auf der 40. Biennale in Venedig, 1978 im Städel Museum in Frankfurt am Main, 1988 und 2011 im MAK—Museum für Angewandte Kunst in Wien in den Jahren 1988 und 2011, in der Generali Foundation in Wien im Jahr 1998, im Stedelijk Museum in Amsterdam im Jahr 1998, im Museum der Moderne in Salzburg im Jahr 2016, im Belvedere in Wien im Jahr 2023 sowie in den Kunstmuseen Krefeld im Jahr 2024. Pichler starb 2012 in St. Martin an der Raab.