Dieser Artikel erschien zuerst in der Berlin Art Week 2026 Sonderausgabe des Freitag.
Seit den 1960er-Jahren kamen aus Ländern wie Italien, Griechenland und der Türkei zahlreiche Arbeitsmigrant*innen nach West-Berlin, viele von ihnen nach Kreuzberg. Im dort gelegenen Gropius Bau zeichnen die Kurator*innen Patrizia Dander und Gürsoy Doğtaş mit der Gruppenausstellung ›Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960‹ eine Kunstgeschichte des Bezirks nach, die im deutschen Kanon bis heute kaum vorkommt.
der Freitag: Frau Dander, Herr Doğtaş, wie nähert man sich einer Übersichtsschau über einen so lebendigen Stadtteil?
Patrizia Dander: Die Ausstellung ist im Gespräch mit Gürsoy entstanden, als ich mich am Gropius Bau beworben habe. Nachdem die Institution über viele Jahre ein global orientiertes Programm geboten hat, wollte ich dem eine hyperlokale Perspektive entgegenstellen. Mit der Schau zeigen wir, dass im direkten Umfeld der Institution eine viel zu wenig beachtete Diversität an künstlerischen Praktiken existierte—und bis heute existiert. Das Ganze baut auf Gürsoys Forschung zu Künstler*innen mit Migrationsgeschichte auf und erzählt eine Kunstgeschichte, die immer noch kein integraler Teil des deutschen Kanons ist—es aber sein sollte. Dabei sprechen wir über eine Zeit, in der der Gropius Bau als Institution nicht existierte—er war im Zweiten Weltkrieg teilweise zerbombt worden und wurde erst Anfang der 1980er-Jahre schrittweise wiedereröffnet.
Gürsoy Doğtaş: Ich war total froh, als Patrizia mich fragte, ob wir die Ausstellung zusammen machen. Die Zuspitzung auf Kreuzberg machte für mich sofort Sinn—hier spielte sich so viel ab, das für diese Kunstgeschichte entscheidend ist. Dazu zählt nicht zuletzt die Schau ›Gastarbeiter—Fremdarbeiter‹ (1975) von Vlassis Caniaris, einem griechischen Künstler, der mit dem DAAD-Künstlerprogramm nach Berlin gekommen war. Dafür entstanden eindrückliche Werke über die Lebensbedingungen von Arbeitsmigrant*innen in Deutschland. Caniaris hatte sogenannte Gastarbeiter*innen in ihren Wohnungen besucht, darin fotografiert und Material aus ihrem Umfeld für seine Installationen zusammengetragen. Das war ein wichtiger Bezugspunkt für die Recherche. Ich habe Respekt vor Kreuzberg und nähere mich diesem Ort von außen: Ich bin in Hannover aufgewachsen, habe in Hamburg studiert und lebe in München.
Gab es ein Ausgangswerk?
PD: Für mich ist es eine Serie—die Stempelbilder von Hanefi Yeter, einem Maler aus der Türkei. Er kam mit einem Stipendium nach West-Berlin, um an der Hochschule für bildende Künste, der heutigen Universität der Künste, zu studieren. In den Malereien macht er die staatlichen Verwaltungsakte sichtbar, mit denen Arbeitsmigrant*innen konfrontiert waren. Die Porträts sind mit Stempeln zur befristeten Aufenthaltserlaubnis, aber auch mit Ausreiseaufforderungen übermalt. Seine prägnante Bildsprache hat mir in aller Härte die Realität der Arbeitsmigrant*innen vor Augen geführt.
GD: Ich steige mit einem anderen Bild von Hanefi Yeter ein: ›Picknick in Berlin‹ (1975). Er greift darin sozialkritische Eindrücke auf und übersetzt diese in den Stil einer osmanischen oder persischen Miniaturmalerei. Seine Figuren zeigt er nicht an der Werkbank, sondern in der Erholung, gelöst. Das Bild hält eine Vertrautheit fest, die mir geläufig ist, die ich aber nicht erwartet hätte.
Was verband die Künstler*innen mit Kreuzberg?
PD: Im Gespräch ist uns aufgefallen, wie viele Künstler*innen, die sich mit Migration auseinandersetzen, Bezüge zu Kreuzberg haben. Es gibt unterschiedliche Achsen—Ateliers und DAAD-Stipendien sind eine. Sie brachten Künstler*innen wie Vlassis Caniaris, Eduardo Paolozzi und Colette in die Stadt. Künstler*innen wie Akbar Behkalam, Hanefi Yeter oder Azade Köker lebten länger hier und stellten im Kunstamt Kreuzberg, dem heutigen Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, aus. Aber auch für Künstlerinnen wie Natascha Ungeheuer und Monika Sieveking war Migration ein Thema. Diese Perspektiven wollten wir verbinden. Unsere mikroskopische Betrachtung zeigt dabei makroskopisch relevante Veränderungen—künstlerisch, gesellschaftlich und politisch. In Kreuzberg spiegelte sich im Kleinen, was die Bundesrepublik der Nachkriegszeit ausgemacht hat.
GD: Das gilt für die Zeit bis zur Wende. Wir haben viele Gespräche mit Künstler*innen, Zeitzeug*innen und Leiter*innen von Institutionen geführt. Darin ging es um Arbeitsweisen, Netzwerke und die politischen Bedingungen, die darüber entschieden, was gezeigt wurde und was nicht. Stéphane Bauer vom Kunstraum Kreuzberg/Bethanien erzählte uns, dass sich die Situation für Künstler*innen mit dem Mauerfall geändert hat. Die Beschäftigung mit Fragen der Migration schien an Aufmerksamkeit zu verlieren. Mit der Wiedervereinigung ließ das Interesse an ihren Arbeiten nach, die Stadt verortete sich neu—nicht mehr als geteilte, sondern als nationale Stadt am Ende des Kalten Kriegs. Manche der Künstler*innen haben sich erst dann als Ausländer*innen wahrgenommen. Einige sind nach Istanbul gezogen, pendeln bis heute zwischen den Städten, andere sind geblieben.
Spielt der Ost-West-Bezug eine Rolle in der Ausstellung?
GD: Wir haben mit Institutionen zusammengearbeitet, die den Fokus gleichermaßen auf West- und Ost-Berlin legen. Neben dem Berlin Museum, das zeitgleich eine Ausstellung mit sich überschneidenden Positionen zeigt, ist das FHXB Friedrichshain-Kreuzberg Museum ein wichtiger Gesprächspartner. Im Austausch mit Aurora Rodonò und Natalie Bayer verbanden wir ihre migrationsgeschichtliche und sammlungsbezogene Expertise mit unserem kunsthistorischen Ansatz.
PD: Mit den Anwerbeabkommen, die ab 1955 mit Griechenland, Italien, der Türkei oder dem ehemaligen Jugoslawien geschlossen wurden, beziehen wir uns zwar auf ein westdeutsches Phänomen, es gibt aber eine intrinsische Verbindung zu Ostdeutschland. Der Mauerbau 1961 führte dazu, dass in West-Berlin Arbeitskräfte aus dem Ostteil der Stadt fehlten. So begann hier der Anwerbeprozess etwas später als in der BRD. Auch die DDR warb sogenannte Vertragsarbeiter*innen an, unter anderem weil durch die Flucht von Arbeitskräften in den Westen ein Mangel entstanden war. Bei uns wird Minh Duc Pham die Vertragsarbeit in der DDR mit einer Performance am 1. Oktober adressieren.
GD: Eine weitere wichtige Figur in diesem Zusammenhang ist Nâzım Hikmet, ein türkischer Dichter und Dramatiker, der als politisch Verfolgter ins Exil in die Sowjetunion geflohen war. Er hatte die Ausstrahlung des türkischen Radiosenders Bizim Radyo in der DDR mitinitiiert. Dieser Sender wurde auch im Westen viel gehört—die BRD zog ab 1964 mit Köln Radyosu, der türkischsprachigen Radiosendung des WDR, nach. Mehmet Aksoy kuratierte 1977 im Kunstamt Kreuzberg eine Ausstellung zu Hikmet, mit Künstler*innen aus der DDR wie Werner Tübke. Hikmet ist für viele Künstler*innen unserer Ausstellung eine Referenzfigur. Die Verbindungen sind also da, auch wenn es kein eigenes Kapitel dazu gibt.
Wie empfanden Sie das Arbeiten im kuratorischen Tandem?
GD: Die Zusammenarbeit war sehr fruchtbar. Oft kam es dabei zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie. Patrizia ist zwar kein Gastarbeiter*innenkind, aber Tochter italienischer Arbeitsmigrant*innen. Sich dem Thema gemeinsam zu nähern, die eigene Geschichte darin wiederzufinden und zu sehen, wie Künstler*innen damit umgehen—diesen Austausch schätze ich sehr.
Gab es besondere Momente in der Zusammenarbeit?
GD: Fasziniert hat mich die Begegnung mit der Malerin Natascha Ungeheuer. Sie lebt bis heute in Kreuzberg, wo sie Ende der 1960erJahre mit Johannes Schenk das Kreuzberger Straßentheater gründete. In ihrer damaligen Wohnung in der Naunynstraße ging der Schriftsteller Aras Ören ein und aus. Aus ihren Gesprächen entstand ein Stück über die Anwerbung der sogenannten Gastarbeiter*innen, das um 1970 uraufgeführt wurde und zu den frühesten Arbeiten der Schau gehört. Die beiden sind bis heute befreundet und telefonieren täglich.
PD: Vielleicht ist das auch das Schöne an der Ausstellung: Man geht mit dem Gefühl nach Hause, dass diese Geschichte noch längst nicht zu Ende erzählt ist.