Dieser Artikel erschien zuerst in der Berlin Art Week 2026 Sonderausgabe des Freitag.
Er ist im Theater schon längst zur Plattitüde geworden, der Ausruf des nach Anerkennung ringenden Kostja in Tschechows Möwe. »Wir brauchen neue Formen«, schleudert er heraus. »Und wenn es sie nicht gibt, dann sollte man den ganzen Quatsch lieber ganz lassen.« So fern die Langeweile der Sommerresidenz im zaristischen Russland sein mag, so aktuell scheint Kostjas Ausruf wieder, wenn gleich zwei Berliner Theater—das Maxim Gorki und die Volksbühne—ab September ausloten, was Theater heute sein kann. Und auch einer der angesagtesten Regisseure der deutschsprachigen Theaterwelt, Ersan Mondtag, tauscht anlässlich der Berlin Art Week für eine Kooperation mit dem Berliner Ensemble den Theaterraum gegen die Räume der Gemäldegalerie ein.
Hinter der im Bau befindlichen ›Kunstscheune‹, wie das künftige Museum Berlin Modern halb liebevoll, halb belustigt genannt wird, liegt etwas geduckt die Gemäldegalerie. So versteckt wird wohl nirgendwo altehrwürdige Kunst ausgestellt. An den Wänden, deren samtene Bespannung bereits etwas abgegriffen wirkt, hängen Kunstwerke der ›Alten Meister‹: Dürer, Raffael, Tizian—eine Liste, die sich mühelos weiterführen ließe. Die Museumsräume strahlen eine ruhige Gemächlichkeit der späten Neunziger aus und erinnern an eine Heist-Movie-Kulisse, in der spielend leicht das Raubgut an schlafenden Wächtern vorbei ins Auto bugsiert wird. Hier hinein setzen Ersan Mondtag und Nadim Samman eine Performance, die nicht nur mit den Werken, sondern gleich mit der Stadt Berlin interagieren soll, wie Samman am Telefon berichtet.
Körper, die Zeit speichern
Der Kurator und Autor ist gerade in Urlaub, nimmt sich aber Zeit, um über Berlin, Körperkult und die Gemäldegalerie zu sprechen. Die Performance—nur konsequent—›Alternde Meister‹ genannt, gehe mit dem zwanghaften Wunsch nach jugendlichen Körpern ins Gericht. Häufig drehe sich gerade Performancekunst um junge Körper mit definierten Muskeln, sagt Samman. Nacktheit werde als Schockmittel genutzt; dabei existiere eine solche Schockwirkung schon längst nicht mehr. In ihrer Performance gehe es um die Narben, Falten, kurz: die Makel und Geschichten, die eine solche Körperhülle erzähle. Per SMS bestätigt auch Mondtag, kurz vor seiner Premiere bei den Salzburger Festspielen: Ihn reize nicht der ausgeleuchtete, trainierte Körper. »Mich interessiert ein anderer Körper. Der Körper, der Zeit gespeichert hat.« Und so finden sich neben den bekannten Schauspielgesichtern (und -körpern) von Eva-Maria Keller und Frank Büttner, dem Türsteher Frank Künster, der legendären Neunziger-Technokoryphäe WestBam und der Künstlerin Candice Breitz auch zwei Rentner im Cast: Birgit und Günther.
Mit ›Der Jungbrunnen‹ liefert Lucas Cranach der Ältere das Gerüst für die knapp dreißigminütigen Zyklen. Auf dem Bild, das in der Gemäldegalerie zwischen zwei Darstellungen der Venus hängt, ist zu sehen, wie alte Frauen in Karren angeliefert und entkleidet werden. Gebückt steigen sie in den Brunnen, um als junge Frauen auf der anderen Seite herauszutreten. Sie werden angekleidet, versammeln sich zum Festessen oder entschwinden gleich mit einem der um sie buhlenden Männer in die Büsche. Die Performance ›Alternde Meister‹ orientiert sich an dem Gemälde. Die anfänglich nackten Körper kleiden sich an, wandeln durch die Museumsräume, bis sie sich um eine mitwirkende Person versammeln. Anders als beim Theater, wo der »schöne Glaube« besteht, das Stück vollständig zu sehen, reicht es bei einer Performance, schreibt Mondtag, »wenn eine einzige Geste bleibt. Ein alter Mann, der gewaschen wird. Eine Frau, die allein isst. Ein Chor, der aus einem anderen Saal kommt.«
Für Mondtag, dessen Einzelausstellung ›Dispair‹ mit Skulpturen und Reliefs außerdem zur Berlin Art Week in der Galerie Dittrich & Schlechtriem eröffnet, geht es »um den Augenblick, in dem das Museum plötzlich einen Puls bekommt«. Die Gemälde, der Bau und seine historischen Schichten werden dabei zu Protagonisten. Denn an wenigen Orten liegen so viele Geschichten übereinander, wie Samman am Telefon erklärt. Vor dem inneren Auge tauchen Kirchners expressionistische Straßenszenen auf, Kriegstrümmer, das umzäunte Zonengebiet und die ehemalige Brachfläche um den Potsdamer Platz. Gerade in einer Stadt wie Berlin, die in ihrem ›Peter-Pan-Komplex‹, dem unstillbaren Wunsch, jung zu bleiben, gefangen ist, rücken Samman und Mondtag deren Narben und Falten in den Blick.
Die sind auch andernorts nicht zu übersehen. Das Maxim Gorki Theater ist eine »Baustelle«, sagt die neue Intendantin Çağla Ilk. Mit der Baustelle meint sie nicht nur die Baumaßnahmen am Haus, sondern auch das Programm. Nach 13 Jahren Intendanz—fast eine Merkel-Ära—verließ Shermin Langhoff das Gorki, mit dem sie Theatergeschichte geschrieben und das sie wie kein anderes Haus zum Ort des »postmigrantischen Theaters« gemacht hat. Ilk, die lange selbst am Gorki tätig war, kehrt nach Stationen als Kuratorin in Baden-Baden und für den Deutschen Pavillon in Venedig nach Berlin zurück. Nun krempelt sie das Gorki um. Um beim Bild der Baustelle zu bleiben: Kein Stein bleibt auf dem anderen.
Manche empfinden diese inneren wie äußeren Umbauten als Bedrohung. Das Sprechtheater sehen sie in Gefahr; an dessen Stelle rücke eine »Eventbude«; aus einem festen Ensemble, beklagen sie, werde ein loses Netzwerk; und an die Stelle programmatischer Klarheit trete nun hochgestochene Phrasendrescherei. Im Gespräch berichtet Ilk, dass sie das Gorki nicht länger in Bühne, Publikumsraum und Foyer aufgeteilt betrachten will. Es gehe darum, die Grenzbereiche zwischen Theater und Performance, zwischen Schauspiel und bildender Kunst auszutesten.
Als Teil der ›Featured‹-Sektion der Berlin Art Week verwandelt der türkisch-armenische Konzeptkünstler Sarkis Bühne und Zuschauerraum des Gorki in eine Installation über den polnischen Theaterrevoluzzer Tadeusz Kantor. Zugleich erweitert das Theater seine Fläche auf den benachbarten Platz der Märzrevolution. Bereits in den 1960erJahren brach Kantor mit den Gewohnheiten des Theaters. Als 1965 eine seiner Inszenierungen in Baden-Baden nach nur einem Abend abgesetzt wurde, ließ er sie kurzerhand in ein Casino übersiedeln. Dass Kantor selbst das Theater aus seinen institutionellen Grenzen löste, bekommt auf dem Platz der Märzrevolution eine konkrete Entsprechung: Dort treffen historische Materialien aus seinem Umfeld auf neue performative Arbeiten des Gorki-Ensembles. Das Grenzgängerische ist also weniger ein Trend als eine dem Theater innewohnende Suche danach, wie Räume bespielt werden können und wie sich Körper in ihnen bewegen. Statt Theater und Performance gegeneinander auszuspielen, will Ilk neue Formen finden: »Performance ist eine Art von Theater.«
Diese Sicht aufs Theater könnte auch von der anderen Seite der Spree herüberwehen. Während noch bis Oktober im neuen Volksbad am Rosa-Luxemburg-Platz geplanscht wird, arbeitet im Inneren der Volksbühne Florentina Holzinger daran, die Grenzen zwischen Theater und Performance, wenn nicht gleich in Flammen aufgehen zu lassen, so doch mit ihren Inszenierungen zu unterwandern. Bisweilen zeigt sich das Publikum geschockt von der Radikalität ihrer Stücke. Bei all den skateboardfahrenden Nonnen, stark motorisierten Vehikeln und Haken, die auf der Bühne ins Wangenfleisch gedrückt werden, gerät die humoristische Seite ihrer Inszenierungen oft aus dem Blick. Als Teil des Artistic Boards dürfte sie der Intendanz von Matthias Lilienthal ihre Handschrift eintätowieren, spätestens wenn der österreichische Pavillon, den sie aktuell in Venedig bespielt, abgebaut ist. In der Zwischenzeit zeigt die Berlin Art Week mit ›Eternity‹ den ersten Film, der ihre Kunst ins Kino bringt. Regisseurin Susanne Regina Meures greift Holzingers Motive auf: nackte Frauen und Autos, diesmal vor dem dunklen Horizont eines globalen Kollapses. Musikalisch begleitet von Peaches macht sich eine Gruppe Freundinnen auf ins ewige Eis, um nach Erlösung zu suchen.
In welcher Form die Erlösung daherkommt, bleibt offen. Fest steht aber, dass durch die Theaterwelt ein Beben geht. Ob am neuen Gorki, an der Volksbühne oder in temporären Spielstätten wie der Gemäldegalerie: Das Theater sucht nach neuen Formen. Es ist zu hoffen, dass es sich zum Schluss nicht, wie Kostja in Tschechows Möwe, selbst erschießt. Oder wenn, dann nur als Bühnentod, der mit Applaus endet.