Wenn ein Hund sein Haupt senkt

von 
Lin May Saeed, Pangolin, 2020
Foto: The Clark Art Institute, Williamstown, USA Courtesy Jacky Strenz, Frankfurt und die Künstlerin

Mit ihren kargen, poetischen Skulpturen entwarf Lin May Saeed Utopien eines friedlichen Zusammenlebens.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Berlin Art Week 2026 Sonderausgabe des Freitag.

Max Horkheimer, Philosoph und Kopf der »Frankfurter Schule«, saß nach der Machtergreifung der Nazis 1934 im Schweizer Exil und stellte sich die kapitalistische Klassengesellschaft als Wolkenkratzer vor. Ganz oben siedelt er verfeindete Wirtschaftsmagnaten und Machthaber an. Dann folgen Großgrundbesitzer, Bildungsbürgertum, Militär, Bourgeoisie, Mittelstand, Proletariat, die »Armen, Alten und Kranken«. »Darunter«, so Horkheimer, »beginnt erst das eigentliche Fundament des Elends«—nämlich die »kolonialisierten Territorien«. Unter diesen Räumen, »in denen millionenweise die Kulis der Erde krepieren, wäre dann das unbeschreibliche, unausdenkliche Leiden der Tiere, die Tierhölle in der menschlichen Gesellschaft darzustellen, der Schweiß, das Blut, die Verzweiflung der Tiere.« Auf dem Dach die Kathedrale, im Keller das Schlachthaus. Diese Hölle ist unsere Hölle, in der Menschen genauso wie Tiere entseelt, ausgebeutet, ausgerottet und entsorgt werden. 

›Séance‹ heißt die Ausstellung der 2023 verstorbenen deutsch-iranischen Künstlerin und Tierschützerin Lin May Saeed, die zur Berlin Art Week in der Galerie Meyer Riegger eröffnet. Sie beschäftigt sich darin mit der Hölle der Tiere, die wir nicht sehen wollen, aber auch mit dem Tierparadies, das wir für ein Phantasma halten—abgestumpft, wie wir sind. Lange wurde Saeeds Werk lediglich als Verbindung von Kunst und Tierschutzaktivismus gesehen. Doch ihre Arbeit adressiert ebenso die Menschen, die Produktionsbedingungen und die Ideologien, die dieses Schlachthaus legitimieren. 

2013 baute Saeed mit der Künstlerin und Aktivistin Melanie Bujok Horkheimers Wolkenkratzer für eine Occupy-Demo in Frankfurt als meterhohes Protestmodell nach. Ihre Kunst hatte immer ein ganz direktes Anliegen: Ähnlich wie Agitprop sollte sie eine andere, friedliche Welt vorstellbar machen. Um ihr Gegenüber zu erreichen, nutzte sie Mythen, Sagen, Kunstgeschichte, Fabeln, Poesie, Schautafeln, Dekor, Design, Komik und Kalligrafie. 

Über Jahrzehnte galt Saeed als artist’s artist, wurde von Insidern und Kurator*innen verehrt, blieb aber obskur. Erst gegen Ende ihres Lebens änderte sich das. 2020 wurde sie in den USA, im Clark Art Institute in Massachusetts, mit einer institutionellen Einzelausstellung und einem retrospektiven Katalog bedacht. 2023 folgte die von Kathleen Reinhardt im Berliner Georg Kolbe Museum kuratierte Schau ›Im Paradies fällt der Schnee langsam—Ein Dialog mit Renée Sintenis‹. Saeeds erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland wurde ein Meilenstein—und ihr Vermächtnis. Die an einem Gehirntumor erkrankte Künstlerin starb nur zwei Wochen vor der Eröffnung. 

Drei Jahre später lässt die Ausstellung bei Meyer Riegger noch besser verstehen, wie visionär und ihrer Zeit voraus sie war—und wieso sich die Leute so schwer mit ihrem Werk taten. Das lag nicht nur an dem als nicht museal geltenden Styropor, aus dem die Tony-Cragg-Schülerin ihre modernistischen Reliefs mit fast biblisch anmutenden Szenen schnitzte und zart bemalte, als seien sie mit Farbe nur bestäubt. Es lag auch nicht an der Nähe zur angewandten Kunst. Saeed war Tierschützer*innen zu unpolitisch, weil sie statt des Leids und der Ausbeutung der Tiere Utopien zeigte. Ihre Reliefs berühren dabei auf eine fast kindliche, märchenhafte Weise. Das war auch der Kunstszene suspekt. 

In der Ausstellung entfaltet sich nun noch einmal Saeeds eigentümliche Bildwelt: Tiere und Menschen halten Séancen ab und träumen als Sagengestalten in Höhlen über Jahrhunderte von einer anderen Welt. Punks, Muslimas und Oktopusse finden bei der längst geschlossenen Kreuzberger Autovermietung Robben & Wientjes utopisches Asyl. Das ist mystisch und komisch wie die Sufi-Gedichte von Rumi. Das schwarze Gittertor ›The Liberation of Animals from Their Cages XXII / Woman with Kid‹ (2019) sieht aus wie eine DDR-Illustration oder eine Ikone. Es zeigt eine Frauenfigur mit einem Ziegenkitz auf dem Arm; in der anderen Hand hält sie einen Bolzenschneider. Die zwischen 2006 und 2020 entstandene Serie umfasst 23 Arbeiten, darunter Tore, Reliefs, Scherenschnitte und Papierarbeiten. Inspiriert sind die »Tore« auch von den selbst geschweißten, dekorierten Zäunen, die Saeed in Brandenburg sah. Diese selbst gebastelte DDR-Moderne war zugleich ideologisch belastet, von kolonialem Denken und dem Anspruch auf Vorherrschaft über Tiere, Natur und das »Andere«—genauso wie das »exotische« Dekor in westdeutschen Wohnzimmern, die »afrikanischen« Masken und industriell gefertigten primitiven Skulpturen in Schleiflackregalen. 

In Saeeds Werk verbinden sich unterschiedliche Klassenzugehörigkeiten und Erinnerungen an die Industriegesellschaften in Ost und West mit Einflüssen altägyptischer und sumerischer Kunst, der Ästhetik Wladimir Majakowskis sowie James Thurbers Tierfabeln. Hinzu kommen Anspielungen auf die reduzierte Formensprache der modernen Tierskulptur, auf Werke von August Gaul oder eben Renée Sintenis. 

Saeed liebte Wagner-Opern, Monty Pythons ›Das Leben des Brian‹ und die Malerei von Agnes Martin. Sie liebte Widersprüche und nutzte sie als Baustoff, um Gegenmodelle zum Wolkenkratzer zu schaffen. Bei den gezeigten Tierskulpturen—etwa dem kampfbereiten Fabeltier ›Kofi‹ (2019) oder dem durch Corona berühmt gewordenen ›Pangolin‹ (2021)—ist es, als stünde man der Essenz tierischen Lebens gegenüber. Jeder, der Hunde kennt, wird beim Anblick ihrer Skulptur ›Milo‹ (2023), eines Hundes mit gesenktem Haupt, weich werden. 

Saeeds Tierskulpturen berühren gerade, weil sie unprätentiös, still und komisch sind. Nichts gleitet bei ihr je ins Süßliche oder Pathetische ab. Das liegt auch daran, dass sie nichts als »vollendet« präsentiert. Keine Podeste, stattdessen Lattengestelle. Weiß lackierte Bronze, die wirkt wie Gips oder Styropor. Überall Spuren, Schnitte, Rohes. Alles ist nur Vorschlag, Modell. Die Styroporreliefs und Scherenschnitte könnten Entwürfe sein, Bühnenbilder für Interspezies-Opern, die noch aufgeführt werden müssen. Das Fantastische ist, dass aus dieser Kargheit, dieser machtlosen Kunst eine große, romantische Sehnsucht nach einer neuen Welt entspringt. Das ist eine nötige Energie angesichts der fehlenden Zukunft. Saeeds Werk bricht einem aber auch das Herz, weil es daran erinnert, wie unfassbar weit entfernt wir gerade von ihren Träumen sind.

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