Wo spielt die Kunst?

von 
ETERNITY feat. Florentina Holzinger, Kino International
KIOSK International

Mit der Sektion ›Featured‹ weitet die Berlin Art Week ihren Radius. Neben Ausstellungen in Projekträumen treten verstärkt institutionelle Kooperationen. Bildende Kunst, Theater, Film und Radio öffnen sich füreinander.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Berlin Art Week 2026 Sonderausgabe des Freitag.

Während die Berlin Art Week 2026 ihr fünfzehnjähriges Jubiläum feiert, ist die ›Featured‹-Sektion ein vergleichsweise neues Format der Berliner Kunstwoche. Seit 2023 werden unter diesem Label interdisziplinäre Projekte und Sonderformate der freien Szene vorgestellt, die das Programm von Ausstellungen in Galerien, Museen und Privatsammlungen sowie der Kunstmesse Positions ergänzen. Für temporäre Initiativen und Projekträume verspricht ›Featured‹ mehr Sichtbarkeit und ein breiteres Publikum, für spartenübergreifene Veranstaltungen außerdem eine Anbindung an die bildende Kunst. In Zeiten schwindender Kulturförderung, wirtschaftlichen Drucks und der Konkurrenz um Aufmerksamkeit ist das für viele attraktiv: Bewarben sich im ersten Jahr 90 Projekte, aus denen eine Jury zwölf auswählte, gingen dieses Jahr über 250 Einreichungen für 30 ›Featured‹-Plätze ein. Im Programm finden sich viele bekannte Namen aus der Projektraum-Szene wie Acud Galerie, Between Bridges, CCA Berlin, Passage, Kunstverein Ost (KVOST), Pickle Bar, Spoiler, Trauma und Tropez sowie Scherben. 

In dem seit 2021 bespielten Ausstellungsraum auf der Leipziger Straße zeigt Scherben unter dem Titel ›Black, Green, Pink‹ eine Gruppenausstellung, die vom historischen Anspruch abstrakter Malerei ausgeht, die Wirklichkeit des Bildes in den Raum der Betrachter*innen zu holen. Dabei fragt sie nach dem Potenzial neuer Bildwelten unter den heutigen technologischen und strukturellen Bedingungen des Kunstfelds. Zu sehen sind Arbeiten von R. H. Quaytman, deren konzeptuelle Malereien seit den Nullerjahren international gezeigt werden, sowie Werke von Frances Scholz, die derselben Generation wie Quaytman angehört, ebenfalls US-Amerikanerin ist und als Professorin an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig lehrt. Hinzu kommen Arbeiten von Nandi Loaf, die spätestens mit ihrer aktuellen Einzelausstellung im Kunstverein in Hamburg nicht nur hauptberuflich Kunstinteressierte auf dem Radar haben werden. Nach einer Solopräsentation von John Boskovich 2024 und der Gruppenschau ›Lesbian Legacies‹ realisieren die Gründer des Projektraums, die Künstler Lorenz Liebig und Tarek Kentouche, damit erneut eine generationsübergreifende Ausstellung auf institutionellem Niveau. In Berlin gilt Scherben inzwischen als feste Adresse für ein Programm, das zwar auf etablierte Namen setzt, diese aber oft in Konstellationen und diskursiven Kontexten zusammenbringt, wie man sie in Häusern mit mehr Ressourcen, in denen die Künstler*innen sonst ausstellen, allzu häufig vermisst. 

Am Freitag lockt die ›Featured Night‹ mit verlängerten Öffnungszeiten an Orte abseits der üblichen Adressen. Im Hotel Adlon Kempinski organisiert die in Berlin lebende Künstlerin Sunny Pudert einen Abend mit Lesungen, Performances und dem, was sich dazwischen bewegt. Die Royal Suite des Fünfsternehotels dient als Kulisse für die textlichen Reflexionen von Cammisa Buerhaus, Zack Darsee, Kevin Kemter und Magdalena Mitterhofer darüber, wie sich urbane Erfahrungen in Körpern, Geschichten und Bildern einschreiben. Unvergessen ist das Bild, wie Michael Jackson 2002 seinen Sohn aus dem Fenster eben jener Suite hielt. Weniger präsent im kollektiven Gedächtnis ist, dass das Hotel Adlon im Zweiten Weltkrieg als Lazarett diente, bevor es kurz nach der Kapitulation ausbrannte. Dem heutigen Neubau ist diese Geschichte nicht anzusehen. ›Ordinary Tales of City Madness‹ mag als humorvoller und euphemistischer Titel darauf anspielen, dass es wohl für die wenigsten Besucher*innen alltäglich sein wird, ihren Freitagabend im Adlon zu verbringen. Abgesehen von der Gelegenheit, das doch einmal zu tun, wird es interessant sein zu sehen, wie die Autor*innen und Performer*innen die bewegte Geschichte dieses Ortes zur subjektiven Erfahrung der Stadt in Beziehung setzen. 

Prominent vertreten in der diesjährigen Auswahl von ›Featured‹ sind auch Sparten jenseits der bildenden Kunst: Film mit dem 1. Kreuzberger Kunstfilmfestival, einem Screening von ›Eternity‹, Susanne Regina Meures’ Film über und mit Florentina Holzinger, im Kino International und einem kulinarischen Abend von SİNEMA TRANSTOPIA; Radio mit dem Open House der freien Community-Radios im Rahmen des Berliner Hörspielfestivals; sowie Theater mit einer Performance von Ersan Mondtag in der Gemäldegalerie in Kooperation mit dem Berliner Ensemble. Die neue Intendantin des Maxim Gorki Theaters, Çağla Ilk, eröffnet mit einer Installation von Sarkis im Theaterhaus und einer zusätzlichen Ausstellungsfläche auf dem Platz der Märzrevolution ihre erste Spielzeit. So versammelt ›Featured‹ in diesem Jahr ein spartenübergreifendes Programm mit vielen institutionellen Kooperationen—was allerdings die Frage aufwirft, welche Rolle der freien Szene darin überhaupt noch zukommt.

Wen angesichts des dichten Veranstaltungskalenders Erschöpfung überkommt, sollte sich die Ausstellung ›Horizontal‹ samt dem Festival übers Liegen am 12. und 13. September vormerken. Im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité widmen sich Künstler*innen, Aktivist*innen und Forscher*innen dem Potenzial des Liegens als politische Praxis, historische Spur und körperliche Erfahrung.

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