Initiiert von Galeristin Anahita Sadighi versteht sich das Sonderprojekt der Berlin Art Week Featured-Sektion als eine kollektive Praxis, die Räume für Begegnung, Resonanz und neue Formen des Zusammenlebens schaffen kann. Im Gespräch erzählt Sadighi wie sie Gemeinschaft versteht, warum kollektives Arbeiten eine Notwendigkeit bedeutet und was sie während der Festival-Vorbereitungen besonders berührt hat.
Bei Soft Power geht es um kollektive Praxis und Miteinander. Ist das ein Motiv, das du in der Kunstwelt aktuell vermehrt wahrnimmst—oder eines, das dir fehlt? Welche Veränderungen beobachtest du?
Ich bin überzeugt, dass kuratorische und kulturelle Macht ihr Register verändern muss—weg von hierarchischen, dominierenden Strukturen, hin zu Formen, die Verbindung und schöpferische Möglichkeit schaffen statt Kontrolle. Ehrlich gesagt ist es eher ein Motiv, das mir in der Kunstwelt noch fehlt, als eines, das ich bereits verbreitet wahrnehme—zumindest institutionell.
Umso deutlicher spüre ich, dass der Wandel längst begonnen hat, nur eben nicht dort, wo Strukturen ihn am längsten aufhalten. Kollektive Praxis ist für mich deshalb eine Notwendigkeit. Menschen zusammenzubringen ist im Kern eine Form von Überleben. Es geht mir bei Soft Power darum, einen neuen, spielerischen und progressiven Rahmen zu schaffen und das explizit aus einer weiblichen Perspektive heraus.
Wir leben zugleich in einem Moment, der vom globalen Erstarken autoritärer und nationalistischer Kräfte geprägt ist und vom Erodieren jener Soft Power, wie Staaten sie traditionell als Instrument kultureller Diplomatie genutzt haben. Genau deshalb lohnt es sich, den Begriff zurückzuerobern: nicht als Werkzeug staatlicher Macht, sondern als kollektive, schöpferische Praxis. Berlin bleibt für mich mächtig, gerade wegen seiner kulturellen Landschaft und kreativen Tiefe. Kunst und Musik sind für mich zwei Herzen, die in der Brust Berlins schlagen. Beide zu stärken und zusammenzubringen, sehe ich als Weg, die Kulturlandschaft dieser Stadt weiter zu öffnen. Mich interessiert, dieses Potenzial zu
reaktivieren und neu auszurichten—hin zu Begegnung, Dialog und Austausch, in größerem Maßstab. Das Festival stellt genau diese Fragen: nach Zugehörigkeit, nach Miteinander, nach kollektiver Präsenz.
Das Festival selbst empfinde ich als Ausdruck eines neugierigen Geistes und eines offenen Herzens—weil es so viele Elemente auf neue, unerwartete Weise zusammenbringt. Wir wollen erproben, wie Kunst, Design und Klang einander anders begegnen können, und wie man dabei neugierig und spielerisch bleibt. Für mich persönlich ist es ein Privileg, mit außergewöhnlichen Denker*innen und Kreativen aus anderen Disziplinen und Welten zusammenzuarbeiten—es hat erweitert, was Kuratieren und Gastgeben für mich bedeuten.
Was mich dabei trägt: Wir leben in einem Paradigmenwechsel, in dem alte, oft eurozentrische und patriarchale Strukturen an Deutungshoheit verlieren. Gemeinschaft, Empathie und Zusammenarbeit sind keine idealistischen Begriffe mehr, sondern Überlebensstrategien—und es sind vor allem Frauen und jüngere Generationen, die diesen Wandel mit bemerkenswerter Klarheit vorantreiben.
Was hast du während der Festival-Vorbereitungen gelernt? Was hat dich berührt oder besonders beschäftigt?
Bei einem so ambitionierten Projekt entstehen fortlaufend neue Herausforderungen, aber ebenso neue Synergien und Möglichkeiten—genau darin liegt für mich der Zauber solcher Vorhaben. Ich habe die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, oft erst in der Praxis selbst wirklich kennengelernt—daran, wie sie auf Unvorhergesehenes reagieren, welche Lösungen sie finden, oft gemeinsam. Besonders berührt hat mich, wie viele sich für ein neues, noch unerprobtes kulturelles Format gewinnen ließen—wie viele Kolleg*innen und Mitstreiter*innen bereit waren, sich einzubringen, Verantwortung zu übernehmen, ihre eigene Expertise einzuweben. Dass wir das Soft Power Festival, das 2025 als Special Project der Berlin Art Week begonnen hat, in diesem Jahr zu einem vollständigen Festival ausbauen konnten, ist angesichts der aktuellen Kürzungen in der Berliner Kulturlandschaft keine Selbstverständlichkeit. Umso mehr
empfinde ich es als kollektive Leistung—getragen von allen, die daran geglaubt haben, dass dieser Raum entstehen muss.
Herausforderungen führen, wenn man ihnen mit Offenheit begegnet, oft zu den überraschendsten und kreativsten Lösungen. Diese Erfahrung hat mich dieses Jahr besonders geprägt: zu sehen, wie aus einer ambitionierten Aufgabe am Ende doch etwas Großzügiges, Vielstimmiges entstehen kann. Und diese Vorbereitungszeit wird für mich immer mit einer ganz besonderen, sehr persönlichen Bedeutung verbunden bleiben: Während der Arbeit an diesem Projekt habe
ich erfahren, dass ich schwanger bin. Ein riesiges Kulturprojekt auf der einen Seite, ein neues Leben, ein neues Lebenskapitel auf der anderen—diese Parallele ist mir sehr bewusst geworden. Es hat mir noch einmal vor Augen geführt, zu welch schöpferischer Kraft Frauen fähig sind—wie viel wir gleichzeitig tragen, gestalten und ins Leben bringen können.
Welche Aspekte waren dir/euch bei der Planung besonders wichtig?
Vertrauen entsteht über Jahre, nicht über eine einzelne Ausstellung. Das gilt besonders für die Künstlerinnen, mit denen ich schon lange arbeite—über frühere Ausstellungen, über Musik, über Projekte, die sich erst mit der Zeit vertieft haben. Einige dieser langjährigen Beziehungen konnte ich in dieses neue, experimentelle Format einbringen. Gleichzeitig war es mir bei einem Projekt dieser Größe wichtig, auch neue Positionen einzuladen—Künstlerinnen, die ich über María Inés Plaza Lazo oder erst im Zuge der Recherche für Soft Power kennengelernt habe. Genau das, glaube ich, hat viele offen für die Teilnahme gemacht: Soft Power ist kein klassisches Ausstellungsformat, sondern etwas, das gemeinsam entsteht.
María Inés Plaza Lazo und ich haben die Künstlerinnen entlang von Fragen ausgewählt, die sich durch die gesamte Ausstellung ziehen—etwa: Wie verändert sich Bedeutung, wenn sie über Distanz weitergetragen wird? Mit rund 40 Künstlerinnen aus zeitgenössischer Kunst sowie performativen und kulinarischen Praktiken verstehen wir Soft Power als etwas, das sich nicht auf Staaten beschränkt, sondern ebenso von Individuen und Communities über
Grenzen hinweg ausgeübt werden kann. Die Ausstellung folgt einer gemeinsam mit María Inés entwickelten Choreografie in neun Kapiteln—Ankommen, Zusammenkommen, Zuhören, Erinnern, Imaginieren, Ritualisieren, Resonieren, Feiern, Werden—, in denen Künstlerinnen jeweils um eine gemeinsame Frage gruppiert sind. Der Raum folgt derselben Logik: Die Werke stehen nicht nebeneinander, um ein Thema zu illustrieren, sondern bilden
einen Faden, dem man als Besucherin folgt.
Ebenso wichtig war mir ein Gleichgewicht zwischen Ausstellung, Musikprogramm und diskursivem Programm—ein Erfahrungshorizont, den wir so noch nicht kennen. Kunst und Musikprogramm sollten sich auf Augenhöhe begegnen, nicht das eine das andere bloß ergänzen. Diese Verbindung trägt sich auch räumlich: Das Architekturbüro Gonzalez Haase AAS hat für Ausstellung, Gespräche und Musikprogramm ein gemeinsames räumliches Konzept entwickelt, das an die historische Lagerhalle des Haus der Visionäre anknüpft. Alles ist miteinander verbunden.
»Community« ist in den letzten Jahren leider zu einem Marketing-Buzzword geworden. Was bedeutet echte Gemeinschaft und kollektives Miteinander für dich? Wie nährt und pflegt man Gemeinschaft?
Für mich bedeutet Gemeinschaft vor allem Verantwortung. Vielleicht ist Liebe, in einem tiefen, verantwortungsvollen Sinn, die einzige Formel für echten Wandel: Liebe zu kultivieren, zu lernen, zu vermehren. Ich möchte mit Menschen zusammenarbeiten und leben, die Licht und Gegenentwürfe schaffen—auf Basis von Empathie, Gerechtigkeit und Verbundenheit. Letztlich ist das unsere Aufgabe als Kulturschaffende: Macht zu hinterfragen, Verantwortung zu übernehmen und Räume zu schaffen, in denen Solidarität und Mitgefühl zu gesellschaftlicher Handlung werden.
Genährt wird das nicht durch einen einzelnen Moment, sondern durch Wiederholung und Zeit. Bei Soft Power zeigt sich das schon in der Struktur selbst: Die neun Kapitel enden nicht in »Feiern«, sondern in »Werden«—Gemeinschaft ist für mich kein Zustand, den man erreicht und dann hält, sondern ein Prozess, der sich immer wieder neu herstellen muss.
Was wünschst du dir von dem Festival? Was sollen Besucher*innen erleben und mitnehmen?
Ich wünsche mir, dass Besucher*innen etwas von jener Kraft mitnehmen, die entsteht, wenn Kunst, Musik, Menschen und ein respektvoller, wertschätzender Diskurs in einem sicheren Raum zusammenkommen—daher auch der Name des Festivals. Es geht um den kreativen, schöpferischen Akt selbst. Wir wollen die Liebe ins Zentrum stellen, nicht als Gefühl, sondern als Praxis, die einen heilsamen Raum schafft, der nachwirkt.
Vielleicht wünsche ich mir vor allem den Verdacht, dass die leisesten Kräfte manchmal die wirksamsten sind. Das ist für mich die eigentliche Aufgabe von Kuratieren: nicht Zustimmung zu erzeugen, sondern eine Frage zu hinterlassen, die weiterarbeitet, lange nachdem man den Raum verlassen hat.
Wir leben in einer Zeit, die von Angst, Fragmentierung und Erschöpfung geprägt ist—auch als Folge globaler Machtverschiebungen: Politische, wirtschaftliche und mediale Kräfte wirken heute oft subtiler, aber nicht weniger stark als offene Formen von Gewalt oder Kontrolle. Entscheidend ist dabei nicht, wie leise eine Kraft wirkt, sondern ob sie verbindet oder manipuliert. Umso wichtiger ist es, den manipulativen Formen etwas entgegenzusetzen: Dialog, Bildung, Mitgefühl. Soft Power ist in diesem Sinne ein Plädoyer für Verbindung statt Spaltung, für Zuhören statt Lautstärke, für Transformation statt Stillstand—eine Einladung, die leisen Kräfte der Kultur neu zu denken.