Ersan Mondtag arbeitet an der Schnittstelle von bildender Kunst, Theater, Oper und Film. Seine Praxis verbindet Skulptur, Installation, Performance und Raum zu einer gemeinsamen Bildsprache. Im Zentrum steht der Körper als Träger von Erinnerung. Biografien schreiben sich in Materialien ebenso ein wie in Gesten, Haltungen und architektonische Räume. Mondtags Arbeiten bewegen sich zwischen persönlicher Geschichte und kollektivem Gedächtnis und untersuchen, wie sich gesellschaftliche Verhältnisse in Körpern, Dingen und Landschaften sedimentieren.
›Dispair‹ präsentiert eine neue Werkgruppe von Mondtag, die eigens für die Ausstellung bei Dittrich & Schlechtriem entstanden ist und großformatige Skulpturen aus karbonisiertem Holz sowie eine Serie von Reliefs aus Holz und Silikon vereint. Mit diesen Arbeiten setzt der Künstler seine langjährige Auseinandersetzung mit Fragen rund um Vergänglichkeit, Begehren und kollektive Erinnerung fort. Ausgangspunkt ist eine über längere Zeit gewachsene Reflexion über die Mechanismen von Ein- und Ausschluss—dabei richtet der Blick sich ebenso auf Formen der Solidarität wie auf Fragilität von Gemeinschaften und die Dynamiken ihrer inneren wie äußeren Grenzziehungen.
Das Holz der Skulpturen bildet einen zentralen materiellen und symbolischen Ankerpunkt. Das organische Material erscheint zugleich als Medium von Geschichte. Durch die Karbonisierung verweist es auf Zyklen von Wachstum, Zerstörung und Erhalt. Der Akt des Verbrennens transformiert und konserviert zugleich das Material—ein Prozess, der Erinnerung nicht als statisches Archiv, sondern als etwas Begreifbares, dem Körper Eingeschriebenes erscheinen lässt. Zerstörung und Bewahrung treten dabei in ein unlösbares Spannungsverhältnis. Das Silikon erweitert diese Materialität um eine körperhafte, nahezu epidermale Qualität.
Materialität und Szenografie bilden den Kern von Mondtags künstlerischer Praxis. Skulpturale Elemente, Klang und performative Gesten fungieren als Träger von Geschichte und kollektiver Erinnerung. Seine Arbeiten verdichten sich zu atmosphärischen Bildräumen, in denen Material zum Speicher von Zeit, Verlust und Transformation wird. Historische, politische und persönliche Ebenen überlagern sich und spannen Erfahrungsräume auf, die sich eindeutigen Narrativen entziehen.
›Dispair‹ eröffnet einen Raum für Fragen nach den politischen und gesellschaftlichen Bedingungen der Gegenwart sowie nach möglichen Zukunftsentwürfen. Die Arbeiten kreisen um die Fragilität demokratischer und bürgerschaftlicher Strukturen und um Mechanismen, durch die Angst, Ausgrenzung und Gewalt fortgeschrieben werden. Zwischen persönlicher Erfahrung und kollektiver Erinnerung entwirft Mondtag eine Bildwelt, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft untrennbar miteinander verwoben erscheinen.
»In dem Wort ›dispair‹ steckt Trennung, Vereinzelung: ein Paar, aber zwei Menschen, zwei Körper. Mondtag zeigt, wie Machtverhältnisse und Hierarchien sich auch im Privaten fortsetzen. Eine Zuflucht gibt es nicht.«
Das Obige ist ein Auszug aus einem Essay von Oliver Koerner von Gustorf zur Ausstellung, der vor der Eröffnung auf unserer Website veröffentlicht wird.
Parallel zu ›Dispair‹ präsentiert Mondtag mit ›Alternde Meister‹ eine Performance, die in Zusammenarbeit mit Nadim Samman entwickelt und in Kooperation mit dem Berliner Ensemble realisiert wurde. Als Eröffnungsveranstaltung der Berlin Art Week markiert die Arbeit den Auftakt des Programms und entfaltet sich über mehrere Aufführungen in den Räumen der Gemäldegalerie. Als Berliner Vanitas konzipiert, bringt ›Alternde Meister‹ alternde Körper in einen Dialog mit den Gemälden vergangener Jahrhunderte. An der Schnittstelle von Museum und Theater entsteht ein lebendiges Tableau über Schönheit, Vergänglichkeit und Erinnerung, in dem Vergangenheit und Gegenwart für einen Moment dieselbe Zeit teilen.
Die Premiere der Performance findet am Freitag, 11 SEP, 19—22 Uhr statt. Weitere Performances finden am Samstag und Sonntag, 12—13 SEP, jeweils von 10.30—17.30 Uhr in der Gemäldegalerie, Johanna und Eduard Arnhold Platz, 10785 Berlin, statt.
Internationale Aufmerksamkeit erlangte Ersan Mondtag mit seinem Beitrag zum deutschen Pavillon der 60. Internationalen Kunstausstellung—La Biennale di Venezia 2024. In ›Monument eines unbekannten Menschen‹ entwickelte er einen begehbaren Erinnerungsraum, in dem Installation, Film und Performance die Geschichte der Arbeitsmigration anhand seiner eigenen Familiengeschichte entfalteten. Die Arbeit markiert zugleich einen Ausgangspunkt seiner aktuellen künstlerischen Auseinandersetzung mit Material, Erinnerung und dem Körper als historischem Archiv.
Derzeit inszeniert Ersan Mondtag ›Ariadne auf Naxos‹ bei den Salzburger Festspielen.
2027 eröffnet Mondtag die Bayreuther Festspiele als Regisseur einer Neuinszenierung von ›Parsifal‹. Die musikalische Leitung übernimmt Christian Thielemann, Bühnen- und Kostümbild stammen von Neo Rauch und Roas Loy. Die Premiere findet am 24 JUL 2027 statt.
Für weitere Informationen zum Künstler und den Werken oder um Bilder anzufordern, wenden Sie sich bitten an Owen Clements, [email protected].