Am runden Tisch

von 

Die Berlin Art Week entstand in vielen Gesprächen. Wir haben ein paar der Protagonist*innen von damals zu einem weiteren eingeladen.

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer limitierten Jubiläums-Printpublikation 15 YEARS BERLIN ART WEEK.

Im Gespräch: Kristian Jarmuschek, geschäftsführender Direktor der Messe Positions Berlin, André Schmitz, Kulturstaatssekretär a.D., Christian Boros, Sammler, Kommunikationsdesigner, Verleger, Svenja von Reichenbach, Direktorin PalaisPopulaire, Simone Leimbach, Leiterin Abteilung Ausstellungen und Veranstaltungen Kulturprojekte Berlin und Moritz van Dülmen, Geschäftsführer Kulturprojekte Berlin

 

BAW: Blicken wir einmal gemeinsam zurück ins Jahr 2012. Herr Jarmuschek, was hat das Ende der Kunstmesse Art Forum für die Satellitenmesse Preview bedeutet, deren Ko-Direktor Sie damals waren?

KJ: Für uns war das eine Katastrophe. Die Preview verstand sich als Plattform für die vielen jungen Galerien, für die auf dem Art Forum kein Platz war. Wir wollten der Trabant von etwas sein, doch das Zentrum fehlte mit einem Mal. Ich habe mich gleich an die damalige zuständige Referatsleiterin in der Wirtschaftsverwaltung Ingrid Walther gewandt, die uns sowie Marc Glöde und Silke Neumann, verantwortlich für die art berlin contemporary (abc), auftrug, aufzuschreiben, was für ein Nachfolgemodell wir uns wünschten. Als wir uns dann zwischen Weihnachten und Neujahr getroffen haben, um ein paar Sachen aufzuschreiben, ist zum ersten Mal die Idee aufgekommen, sich von dem einen Leuchtturm zu verabschieden und stattdessen zu präsentieren, was Berlin noch alles zu bieten hat.

BAW: Wie kamen Sie als Kulturstaatssekretär mit ins Spiel, André Schmitz?

AS: Vom Ende des Art Forums habe ich aus der Zeitung erfahren. Das hat mich persönlich sehr empört. Wir waren originär nicht zuständig, dennoch hat diese Messe ja auch mit Kultur zu tun. Ingrid Walther hat recht früh das Gespräch mit mir und meinem damaligen Referenten Sebastian Pflum gesucht. Der Wirtschaftssenat konnte 250.000 Euro für die Nachfolgeidee aufbringen. Für eine neue große Messe hätte das nicht gereicht. Ich weiß nicht, ob es eine Mutter oder einen Vater dieser Idee gibt. An mehreren runden Tischen, auch bei mir in der Brunnenstraße, entschieden wir schließlich: Wir gründen nicht wieder eine Messe, sondern wir stärken die Stärken, die wir haben, bündeln und vernetzen sie. Das klingt einfacher als es war, denn wie wir wissen, haben wir es in der Kultur mit starken Individualisten zu tun. Und auch in der Politik ist es kompliziert, wenn zwei Verwaltungen zusammenarbeiten sollen. Dieses Zusammenwirken von Wirtschafts- und Kulturverwaltung war nicht an der Tagesordnung.

SL: Die Berlin Art Week entstand aus einer Krise—das hat jedoch wiederum Energien freigesetzt. Die erste Innovation war, sich überhaupt zusammenzutun. Dieses neue Format, das dann über ein paar Wochen zu einer Berlin Art Week wurde, war primär ein gemeinsames Bekenntnis für den Kunststandort Berlin.

BAW: Wie konnte es gelingen, die verschiedenen Akteur*innen zusammenzubringen?

MVD: Inzwischen war es März geworden und wir hatten überhaupt keine Zeit. Den Termin im Herbst, den das Art Forum im internationalen Kunstkalender geprägt hatte, wollten wir unbedingt halten. Wir als Kulturprojekte hatten mit der Berlin Music Week bereits ein ähnliches Projekt angeschoben. Bündnisse von Kulturinstitutionen kannten wir von unserer Langen Nacht der Museen und wussten, dass es um mehr geht als die Addition der Einzelteile. Es gab kein Rezept, aber wir brachten Erfahrungen mit, wie man Joint Ventures kreieren und es schaffen kann, dass temporär Konkurrenzen beiseitegelegt werden. Unsere Rolle war es, die unterschiedlichen Interessen zusammen zu bringen und immer wieder an das gemeinsame Ziel zu erinnern.

SL: Es gab diese Grundsteinlegung 2012, da hat man schnell mit dieser Aufbruchsstimmung in wenigen Monaten etwas geschaffen, wofür wir sonst wahrscheinlich Jahre gebraucht hätten. Der Druck hat uns geholfen.

KJ: Es musste mit heißer Nadel gestrickt werden und dann wollten plötzlich alle dabei sein.

BAW: Wie haben Sie diese Initiative damals von der Deutschen Bank Kunsthalle aus wahrgenommen, Svenja von Reichenbach?

SVR: Wir haben uns nach dem Ende des Art Forums wie alle gefragt, wie es weitergehen kann, denn wir wollten Berlin als Kunststandort erhalten. Als Deutsche Guggenheim Berlin waren wir zuvor schon beim Kunstherbst Berlin dabei gewesen, einem ersten Versuch, partnerschaftliche Wege zu gehen. Berlin hat in den letzten 30 Jahre in der Kunst eine deutliche Transformation durchgemacht und durch eine Plattform wie die Berlin Art Week die internationale Kunstwelt auch mitgestaltet.

BAW: Apropos gestaltet: Christian Boros, Sie sind bei der Berlin Art Week in unterschiedlichen Rollen aktiv, als Multiplikator und als Sammler. Außerdem haben Sie das Corporate Design, die Marke der Berlin Art Week entwickelt. Welche Gedanken waren dabei leitend?

CB: Wenn mehrere Akteure zusammenkommen, ist es einfach, sich über die Divergenzen auszulassen. Viel mühevoller ist es, Gemeinsames herauszufinden, doch eben das war der Grundgedanke der Berlin Art Week. Mir war klar, dass ich kein kompliziertes Narrativ entwickeln konnte. Es musste eine Idee sein, die auf den Bierdeckel passt und konsensfähig ist. Wir haben alles weggeschnitten wie mit einer Rosenschere, um auf den Nukleus, auf den Punkt zu kommen. So etwas Reduziertes wie dieses Erscheinungsbild funktioniert heute immer noch, weil es prägnant ist, chirurgisch präzise und radikal asketisch stark. Meine Argumentation war: Eine Marke markiert etwas. Diese Spots kleben auf dem Boden bei den einzelnen Destinationen. Sie markieren, verbinden starke Orte, setzen sie auf die Karte.

SL: Das Wort »Markieren« ist spannend, weil ja nicht nur die Orte markiert werden, sondern auch dieses Datum im September, das einmal das Datum der Messe war und inzwischen zu einem Saisonauftakt geworden ist.

SVR: Die Punkte sind äußere Zeichen. Viele Berliner haben durch die Berlin Art Week gelernt, dass Kunst und Kultur nicht nur etwas ist, was hinter Mauern in heiligen Institutionen stattfindet, sondern in die Stadt hineingetragen werden kann. Die Kunst wurde plötzlich sichtbar und erlebbar, strahlte Leichtigkeit und Lebendigkeit aus.

CB: Ich bin auch selbst immer sehr glücklich, wenn im Herbst ein Punkt vor unserem Bunker auf dem Boden klebt.

AS: Mit der Berlin Art Week ist es ein bisschen wie mit dem Logo, das Christian Boros entworfen hat: Die Idee, die Galeristen, die Sammler, die Museumsleiter, die Künstler und Künstlerinnen, die hier leben, zusammenzubringen, ist eigentlich sehr simpel, der Effekt aber war riesig. Das müsste die Kulturpolitik heute wieder verstärkt machen, in Zeiten, wo das Geld knapper wird: die Stärken, die man hat, stärken und bündeln.

SL: Geld kam damals erst nur von der Wirtschaftsverwaltung, aber viel Engagement aus der Kulturverwaltung. Die Wirtschaftsverwaltung hat das jedoch nicht als Subvention von Kulturveranstaltungen angesehen, sondern als eine Investition in den Kulturstandort. Deshalb wäre es fatal, nicht weiter zu unterstützen, in was 15 Jahre investiert wurde, eine Marke, die nicht nur für ein Festival, sondern für den Kunststandort, den Ausstellungsort, Produktionsort und den Kunstmarktort Berlin steht.

KJ: Damals war die Berlin Art Week sehr wichtig für das Selbstverständnis in Berlin. In den 1990ern galt in Berlin Kunst ja nur als gut, wenn sie von möglichst weit weg kam. Die Berlin Art Week hat geholfen, wertzuschätzen was wir vor Ort haben. Im Umkehrschluss hat die Verdichtung in dieser einen Woche die internationale Strahlkraft Berlins erhöht.

SL: Auch die Idee der Berlin Art Week selbst hatte international eine große Wirkung. Mittlerweile gibt es ein ganzes Netzwerk an Art Weeks in Europa, die nach unserem Modell konzipiert wurden.

MVD: Die Berlin Art Week war immer auch ein ganz klares Bekenntnis zum Publikum. Zeitgenössische Kunst hatte oft etwas Elitäres und plötzlich gehörte eben auch ein Straßenfest in der Auguststraße dazu, das Zehntausende von Menschen anzog. Das wurde zu einem Markenzeichen der Berlin Art Week: mit zeitgenössischer Kunst sehr viele Menschen zu erreichen.

KJ: Die Eröffnung in der Auguststraße im Jahr 2013 habe ich geliebt. Man lief durch und dachte: »Wow!«

SVR: Das macht eben die Berlin Art Week aus: Sie ist nie stehengeblieben. Jedes Jahr wurde neu überlegt, initiiert auch von den Kulturprojekten. Das waren tolle Jahre, als wir gemeinsamen Ausstellungen institutionsübergreifend gemacht haben. Das Thema ›Stadt/Bild‹ ist aktueller denn je. Bei ›Painting Forever‹ war die Deutsche Bank Kunsthalle erstmals dabei. Die Kooperation hat viel Spaß gemacht und dazu beigetragen, dass Institutionen miteinander ins Gespräch gekommen sind. Dass wir nur etwas erreichen können, wenn wir uns miteinander austauschen, hat sich in der Pandemiezeit noch einmal deutlich gezeigt. Mit der Berlin Art Week sind die Grundlagen dafür gelegt worden, auch für Synergien, die zukünftig dazu beitragen können, die Relevanz der Kultur in Berlin zu erhalten.

SL: Die Verbindung von Fachpublikum und breiter Öffentlichkeit, die Verdichtung von Räumen, von Orten, von Menschen und von künstlerischen Positionen, das hat sich bis heute erhalten. Das waren die Grundsteine, aus denen es sich in viele verschiedene Richtungen entwickelt hat, weil wir uns eine Offenheit und Neugier bewahrt haben. Das betrifft auch neue Orte und Wege durch die Stadt. Selbst unsere Fachjurys sind regelmäßig überrascht über das, was es hier alles gibt. Dazu lädt die Berlin Art Week bis heute ein: die eigene Stadt zu entdecken und entwickeln.

15 YEARS BERLIN ART WEEK

Das limitierte Booklet zum 15. Jubiläum der Berlin Art Week zeichnet auf 128 Seiten in Essays, Interviews und Bildstrecken die Entwicklung der Berlin Art Week in den vergangenen 15 Jahren nach, wirft einen Blick auf den Status quo und wagt einen Ausblick auf die Zukunft der Kunststadt Berlin. Mehr als 50 Stimmen aus der Berliner Kunstszene teilen ihre persönlichen Perspektiven.

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