Dieser Artikel erschien zuerst in unserer limitierten Jubiläums-Printpublikation 15 YEARS BERLIN ART WEEK.
Oh Berlin, du warst so arm, so arm, aber auch so sexy. Als der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit der Stadt mit seinen legendären Worte 2003 den Stempel aufdrückte, stand die kulturelle Saat der Stadt in voller Blüte. Leerstand und günstige Mieten, unklare bürokratische Zuständigkeiten und eine daraus resultierende progressive Subkultur hatten das Nachwende-Berlin zu einem Sehnsuchtsort für Künstler*innen aus der ganzen Welt gemacht: Es gab genug Platz—und zwar für alle. Zwar fehlte es an zahlungskräftigen Sammler*innen. Durch Galerievertretungen in anderen Städten und die Teilnahme an Messen—auch an denen in Berlin — konnte dieses Manko aber ausgleichen werden. Schnell entwickelte sich die Stadt zu einem der wichtigsten globalen Produktionsstandorte für zeitgenössische Kunst. Dessen Akteur*innen eine gemeinsame Plattform zu bieten, war von Anfang an Ziel der Berlin Art Week. Wie gut das gelingen kann, hängt jedoch von den Rahmenbedingungen ab.
Erst im Juni 2026 belegte eine Studie des Instituts für Kulturelle Teilhabeforschung die wirtschaftliche Relevanz von Kultur für die Stadt. Ganz Berlin lebe von der Kunst, konstatierte kürzlich auch der bbk berlin (berufsverband bildender künstler*innen berlin e.V.): »Kunst ist Diskursraum, Ort der Begegnung, des Ausdrucks und Austauschs. Sie ist auch wirtschaftlicher Motor und wirkt als Magnet für Millionen von Besucher*innen.« Der politische Wertewandel und dessen Folgen aber stellen eine zunehmende Herausforderung für die Freie Szene und ihre Kulturproduzent*innen dar: »Mit jedem verlorenen Arbeits- und Produktionsraum und jeder gekürzten Förderung verliert Berlin ein Stück seiner kulturellen Substanz. Wer Berlin als Kulturstandort erhalten will, muss jetzt die Voraussetzungen dafür sichern, dass Künstler*innen langfristig in dieser Stadt arbeiten und produzieren können,« so die Sprecherin des Vereins, Justina Los.
Neben den großen Institutionen ist ebenjene Freie Szene untrennbar mit der Berlin Art Week verbunden. Schon 2013 wurden künstlerische Projekträume und Initiativen von einer Jury ausgewählt. Später wurde bis 2023 im Rahmen der Kunstwoche der vom Kultursenat ausgelobte Preis der Projekträume vergeben. Auch diese Auszeichnung wurde gestrichen.
»In den letzten 15 Jahren hat sich Berlin als Produktionsstandort sehr verändert«, bestätigt Stephanie Kloss, die bis vor wenigen Wochen den Projektraum Die Möglichkeit einer Insel betrieb, mit dem sie 2025 in der Sektion ›Featured‹ der Berlin Art Week vertreten war. »Die Mieten für Ateliers, also für die Orte der Produktion, sind nicht mehr bezahlbar, überhaupt sind kaum mehr Räume verfügbar, die Künstler*innen werden an den Stadtrand gedrängt. Es besteht eine große, ja perverse Diskrepanz zwischen dem Gewerbeleerstand teurer Büroflächen und bezahlbaren Räumen im Stadtzentrum, die von jungen Akteur*innen für Projekträume bezogen werden könnten. Die Szene leidet unter dem Verlust der Förderstrukturen auf Bundes-, aber auch auf Landesebene, und auch die Galerienlandschaft hat sich stark verändert. Das mittlere, tragende Segment bricht ein.«
»Die Party ist absolut vorbei«, so auch Philip Grözinger, Künstler und Initiator vieler Gruppenausstellungen und Freier Projekte. Die günstigen Mieten seien nur noch ein Mythos: »Ich kenne nur noch Leute mit Mieterhöhungen oder Kündigungen für ihre Arbeitsräume.« Nur noch die wenigen wohlhabenden Künstler*innen könnten sich das Leben in der Stadt wirklich leisten: »Die Reichen werden reicher.« Auch die Sammler*innen wüssten dies und drückten zusätzlich die Preise.
Die Künstler*innen Roman Schramm und Zuzanna Zita Skiba arbeiten beide in unterschiedlichen doch gleichermaßen in ihrer Existenz bedrohten Atelierhäusern in Neukölln und Reinickendorf. Sie bestätigen die immer prekärer werdenden Umstände: »Was in der Debatte oft übersehen wird, sind die essenziellen Strukturen: das Atelierprogramm, die bbk-Werkstätten, wo man als Künstler Zugang zu Holz-, Metall- und Druckwerkstätten hat.« Dies alles seien unersetzbare Produktionsmittel, so Schramm. »Was Künstler*innen jetzt brauchen, ist Verlässlichkeit und Wertschätzung.«
Zudem fehle die Planungssicherheit hinsichtlich langfristiger Arbeitsprogramme und Mietverträge, betont Skiba. Helfen könnte hierbei auch der Bund: Deutschland müsse stärker anerkennen, dass Berlin auch das wichtigste kulturelle Zentrum des Landes ist. Die hohe Dichte und Vielfalt der Kultur in Berlin verdiene mehr Wertschätzung.
Die wirtschaftliche Rendite der Kultur steht im deutlichen Kontrast zu den aktuellen Kürzungen, die trotzdem nicht spurlos an der Stadt vorbeigehen: »Die verbliebenen Fördermöglichkeiten des Senats sind durchaus durchdacht, doch Berlin hat in den letzten Jahren als internationaler Produktionsstandort auch durch die sich immer stärker verschlechternden Produktionsbedingungen an Relevanz oder Strahlkraft verloren«, sagt Sophie Goltz, Geschäftsführerin der neuen Gesellschaft für bildende Kunst (nGbK). Der basisdemokratische Kunstverein ist 2026 mit einer Ausstellung des Künstlerinnenprojekts Goldrausch, zur Professionalisierung von FLINTA in der bildenden Kunst, bei der Berlin Art Week dabei.
Berlin vermarktet sich weltweit über seine Kunst, spart dabei jedoch die Bedingungen kaputt, unter denen sie entsteht. Was es braucht, um dagegen anzukämpfen? »Visionen und Mut«, so Goltz. Nicht nur innerhalb der Politik. Sondern auch ganz direkt, bei den verbliebenen Produzierenden. Und das ist ja irgendwie auch ganz schön sexy.
15 YEARS BERLIN ART WEEK
Das limitierte Booklet zum 15. Jubiläum der Berlin Art Week zeichnet auf 128 Seiten in Essays, Interviews und Bildstrecken die Entwicklung der Berlin Art Week in den vergangenen 15 Jahren nach, wirft einen Blick auf den Status quo und wagt einen Ausblick auf die Zukunft der Kunststadt Berlin. Mehr als 50 Stimmen aus der Berliner Kunstszene teilen ihre persönlichen Perspektiven.