Guðný Guðmundsdóttir

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Guðný Guðmundsdóttir, Foto: Lilika Strezoska

Die isländische Galeristin Guðný Guðmundsdóttir spricht über Intuition und die menschliche Suche nach Freiheit, Würde und Zugehörigkeit.

Mit ihrer 2020 gegründeten Galerie Gudmundsdottir ist sie für den diesjährigen VBKI-Preis Berliner Galerien nominiert. In unserem Questionnaire erzählt sie von ihrem Alltag in Berlin zwischen Kunst und Familie sowie von Motivation und innerer Haltung.

Gibt es ein tägliches Ritual, das Ihnen Struktur oder Inspiration gibt?
Ich stehe gerne sehr früh auf. Die Ruhe des Morgens gibt mir Zeit, den Tag zu planen, E-Mails zu beantworten und im Internet zu stöbern, bevor der morgendliche Trubel beginnt und ich meine Teenager aus dem Haus bekomme. Danach gehe ich laufen. Dieser ruhige Tagesbeginn hilft mir, konzentriert zu bleiben, und oft entstehen genau in diesen Stunden die besten Ideen.

Was würden Sie tun, wenn Zeit, Geld und andere Ressourcen keine Rolle spielen würden?
Was für ein schönes Gedankenexperiment. Ich würde all die großen Kunstprojekte verwirklichen, die ich in den vergangenen Jahren gemeinsam mit den Künstler*innen meiner Galerie entwickelt habe. Viele dieser Ideen begleiten uns schon lange, und wir haben viel Zeit und Energie in die Suche nach Förderungen und Finanzierung investiert. Ihnen endlich die Freiheit zu geben, diese Projekte ohne Einschränkungen zu realisieren, wäre ein großer Traum.

Gab es ein Buch, das Ihre Sichtweise nachhaltig verändert hat—und warum würden Sie es weiterempfehlen?
Ein Buch, das meine Sichtweise nachhaltig geprägt hat, ist ›Sein eigener Herr‹  von Halldór Laxness. Für mich ist der Roman eine Auseinandersetzung mit einem der stärksten menschlichen Wünsche: frei zu sein, auf eigenen Füßen zu stehen und das eigene Schicksal selbst zu gestalten. Er zeigt die Kraft, aber auch die Widersprüche, die Einsamkeit und den Schmerz, die mit dem Streben nach Unabhängigkeit verbunden sein können—eingebettet in eine tiefe Beziehung zwischen Mensch und Natur.
Das Buch berührt mich auch auf einer persönlichen Ebene, weil es etwas aus meinem eigenen kulturellen Hintergrund widerspiegelt. Wenn ich an frühere Generationen in Island denke und daran, wie sie nach der Unabhängigkeit von Dänemark strebten und ihr Leben unter äußerst schwierigen Bedingungen aufbauten, erkenne ich diese starke Sehnsucht nach Eigenständigkeit und Selbstbestimmung wieder. Ich glaube, dass Spuren dieses Geistes auch heute noch in uns Isländer*innen weiterleben.
Vielleicht habe ich einen Teil dieser Haltung auch mit in mein Leben in Deutschland genommen: den Wunsch, etwas aufzubauen, einer Vision zu folgen und meinen eigenen Weg zu finden. Ich empfehle dieses Buch, weil es, obwohl tief in einem bestimmten Ort und einer bestimmten Geschichte verwurzelt, etwas Universelles berührt: die menschliche Suche nach Freiheit, Würde und Zugehörigkeit.

Was hätten Sie gerne früher gewusst?
Ich hätte gerne früher meiner Intuition vertraut. In vielerlei Hinsicht hat mich meine Intuition mein ganzes Leben lang begleitet und geleitet, aber ich hatte nicht immer das Vertrauen, ihr vollständig zu folgen. Ich wünschte, ich hätte früher verstanden, dass Intuition nicht das Gegenteil von Wissen oder Erfahrung istsondern oft eine Möglichkeit, Potenziale zu erkennen, bevor sie sichtbar werden.

Wo tanken Sie Kraft?
Bei der Gartenarbeit. Was ein bisschen lustig ist, denn eigentlich habe ich gar keinen besonders grünen Daumenich genieße einfach die Arbeit mit meinen Händen und die Verbindung zur Natur.

Welches Kunstwerk hätten Sie gern bei sich zu Hause?
Ahh mein Zuhause ist bereits voller Kunstwerkeeine Berufskrankheit! Im Moment faszinieren mich besonders die Arbeiten von Martha Jungwirth und Sandra Vásquez de la Horra. Gegen ein Werk von einer der beiden hätte ich ganz sicher nichts einzuwenden.

Welcher Ausstellungsort in Berlin inspiriert Sie?
Berlin selbst ist eine Inspiration. Die außergewöhnliche Dichte an Museen, Institutionen, Galerien, Projekträumen und unabhängigen Initiativen schafft eine sich ständig weiterentwickelnde Kulturlandschaft. Jede Ausstellung hat das Potenzial, den Raum, in dem sie stattfindet, neu zu definieren und jeden Besuch zu einer neuen Entdeckung zu machen.
Diese Vielfalt ist eine der größten Stärken Berlins. Sie hat die Stadt zu einem der weltweit bedeutendsten Orte für Kunst und Kultur gemacht und zieht jedes Jahr Millionen von Besucher*innen an. In einer Zeit, in der der Kunstbereich zunehmend unter finanziellem Druck steht und neue Herausforderungen für die künstlerische Freiheit entstehen, ist es wichtiger denn je, diese Vielfalt anzuerkennen und zu schützen. Es sind die Menschen hinter diesen Orten und die unterschiedlichen Perspektiven, die sie einbringen, die Berlins Kulturlandschaft so außergewöhnlich machen 

Was fasziniert Sie an Berlin?
Die Menschen und die Energie der Kunstszene. Berlin ist für mich ein Ort der Begegnungeneine Stadt, in der unterschiedliche Perspektiven, Ideen und Lebensentwürfe aufeinandertreffen und ständig neue Impulse entstehen.

Auf welchen Gegenstand können Sie nicht verzichten?
Mein erster Gedanke war, dass ich nicht ohne meine Geige leben könnte. Aber vielleicht ist die realistischere Antwort  nicht ohne meinen Computer.

Was treibt Sie an?
Positivität, Neugier und vermutlich eine gute Portion undiagnostiziertes ADHS.

Mit welcher Persönlichkeit würden Sie gern ein Gespräch führen—und worüber würden Sie sprechen?
Das ist eine schwierige Frage, denn ich habe gelernt, dass Begegnungen mit Menschen, die ich bewundere, nicht immer dem Bild entsprechen, das ich von ihnen habe. Deshalb bewahre ich mir diese Bewunderung oft lieber und lasse ihre Arbeit für sich sprechen.
Das gesagt: Monty Don, den Moderator der BBC-Sendung Gardeners‘ World‹, würde ich wahnsinnig gerne kennenlernen. Ich könnte mich stundenlang mit ihm über Gärten, Pflanzen und die stille Freude unterhalten, mit der Natur zu arbeiten.

Worauf freuen Sie sich, wenn ein Arbeitstag zu Ende geht?
Nach einem erfolgreichen Arbeitstag freue ich mich darauf, mit meinem Partner oder Freund*innen ein Glas Wein zu genießen.

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